
In einer Mediation sagt ein Beteiligter etwas, und der Mediator denkt unwillkürlich: Das kann ich verstehen. Wenig später schildert die andere Seite ihre Sicht – und plötzlich erscheint dieselbe Situation in einem anderen Licht. Vielleicht irritiert eine Aussage, vielleicht wirkt eine Erklärung besonders nachvollziehbar, vielleicht entsteht sogar Sympathie oder Ablehnung. Auch ein Mediator nimmt wahr, empfindet und bewertet.
Professionelle Haltung kann deshalb kaum bedeuten, während einer Mediation keine eigenen Gedanken oder Reaktionen zu haben. Entscheidend ist vielmehr, sie wahrzunehmen und damit so umzugehen, dass sie nicht unbemerkt zum Maßstab für die Beteiligten werden. Die Haltung des Mediators zeigt sich damit nicht nur darin, wie er nach außen auftritt. Sie zeigt sich auch darin, wie er mit dem umgeht, was während einer Mediation in ihm selbst geschieht.
Jeder Mensch bringt Erfahrungen, Werte und Vorstellungen darüber mit, was fair, vernünftig oder angemessen ist. Ein Mediator legt diese Prägungen nicht an der Tür zum Mediationsraum ab. Wenn er eine Konfliktschilderung hört, entstehen Eindrücke. Manche Verhaltensweisen sind ihm vertraut, andere befremden ihn. Bestimmte Argumente erscheinen zunächst überzeugend, andere möglicherweise schwer nachvollziehbar.
Problematisch ist nicht, dass solche Wahrnehmungen entstehen. Problematisch kann es werden, wenn der Mediator sie nicht bemerkt und deshalb beginnt, aus seiner eigenen Sicht auf den Konflikt einzuwirken. Aus dem Gedanken „Das erscheint mir vernünftig“ kann sonst unbemerkt die Erwartung werden, dass auch die Konfliktparteien zu diesem Ergebnis kommen sollten.
Zwischen einer inneren Reaktion und einer Parteinahme besteht ein wichtiger Unterschied. Ein Mediator kann das Verhalten eines Beteiligten persönlich schwierig finden und trotzdem versuchen zu verstehen, welche Wahrnehmung oder welches Interesse dahintersteht. Ebenso kann ihm eine Position spontan sympathisch erscheinen, ohne dass er sie deshalb im Verfahren unterstützen muss.
Professionelle Haltung verlangt daher nicht, eigene Bewertungen zu leugnen. Sie verlangt, zwischen der eigenen Bewertung und der Aufgabe als Mediator unterscheiden zu können. Nicht die Frage „Wie würde ich diesen Konflikt lösen?“ sollte den weiteren Verlauf bestimmen, sondern die Frage, was die Beteiligten brauchen, um ihren Konflikt selbst betrachten und Entscheidungen treffen zu können.
Allparteilichkeit wird manchmal so verstanden, als müsse ein Mediator allen Beteiligten jederzeit exakt gleich viel Aufmerksamkeit, Verständnis oder Redezeit geben. Doch Menschen, Konflikte und Gesprächssituationen lassen sich kaum mathematisch ausbalancieren. Eine Person spricht viel, eine andere findet nur schwer Worte. Eine Perspektive erschließt sich dem Mediator sofort, eine andere zunächst kaum.
Gerade dann zeigt sich professionelle Haltung. Der Mediator kann sich fragen, ob eine Sichtweise deshalb weniger Raum bekommt, weil sie tatsächlich ausreichend verstanden wurde – oder weil sie ihm persönlich schwerer zugänglich ist. Allparteilichkeit bedeutet damit auch, die eigene Wahrnehmung immer wieder zu überprüfen und bewusst offen für die Perspektiven aller Beteiligten zu bleiben. Was Neutralität und Allparteilichkeit in der Mediation grundsätzlich bedeuten und wie sie voneinander abzugrenzen sind, erläutere ich an anderer Stelle ausführlicher.
Manche Menschen sind uns spontan sympathisch. Andere erinnern uns vielleicht an Personen oder Situationen, mit denen wir unangenehme Erfahrungen verbinden. Das geschieht nicht erst nach langer Überlegung. Solche Reaktionen können entstehen, bevor wir überhaupt genau benennen können, weshalb jemand auf uns eine bestimmte Wirkung hat.
Für einen Mediator ist deshalb weniger entscheidend, solche Empfindungen verhindern zu wollen. Wichtiger ist die Fähigkeit, sie zu bemerken. Fällt es mir bei einem Beteiligten leichter nachzufragen? Habe ich bei einem anderen schneller das Gefühl, seine Argumentation sei widersprüchlich? Unterbreche ich jemanden häufiger? Erkläre ich die Aussage einer Person ausführlicher als die der anderen? Solche Beobachtungen können Hinweise darauf geben, dass die eigene Wahrnehmung gerade Einfluss auf das Verfahren nimmt.
Selbstreflexion wird häufig mit Supervision, Fortbildung oder der nachträglichen Betrachtung eines schwierigen Falls verbunden. Das ist wichtig. Ein großer Teil professioneller Selbstreflexion findet jedoch unmittelbar während einer Mediation statt. Der Mediator beobachtet nicht nur das Gespräch zwischen den Beteiligten, sondern in gewisser Weise auch sich selbst.
Warum beschäftigt mich gerade diese Aussage? Weshalb möchte ich an dieser Stelle besonders intensiv nachfragen? Warum empfinde ich die Erklärung eines Beteiligten als plausibler? Habe ich gerade eine Vorstellung davon entwickelt, wie eine gute Lösung aussehen müsste? Solche Fragen müssen das Gespräch nicht unterbrechen. Sie können Teil einer inneren Aufmerksamkeit sein, die hilft, die eigene Rolle nicht aus dem Blick zu verlieren.
Eine Perspektive verstehen zu wollen bedeutet nicht, sie persönlich richtig zu finden. Diese Unterscheidung ist für die Haltung des Mediators wesentlich. Beteiligte können Auffassungen vertreten oder Verhaltensweisen schildern, die seinen eigenen Wertvorstellungen widersprechen. Professionelles Arbeiten verlangt nicht, daraus Zustimmung zu machen.
Die Aufgabe besteht vielmehr darin, soweit möglich zu verstehen, welche Bedeutung eine Position für den jeweiligen Beteiligten hat und welche Interessen, Erfahrungen oder Befürchtungen damit verbunden sind. Gleichzeitig hat auch diese Offenheit Grenzen. Ein Mediator muss nicht jedes Verhalten akzeptieren und trägt Verantwortung dafür, den Rahmen des Verfahrens zu schützen.
Es kann Konflikte geben, bei denen ein Mediator merkt, dass ihm die notwendige innere Distanz schwerfällt. Vielleicht berührt das Thema eigene Erfahrungen besonders stark. Vielleicht kennt er einen Beteiligten aus einem anderen Zusammenhang oder stellt fest, dass er gegenüber einer Person bereits eine gefestigte Haltung entwickelt hat. Solche Situationen sind nicht automatisch Ausdruck mangelnder Professionalität.
Professionell kann gerade die Erkenntnis sein, dass die eigene Rolle in dieser Situation überprüft werden muss. Je nach Fall kann es genügen, die eigene Reaktion bewusst zu reflektieren. In anderen Situationen können kollegialer Austausch oder Supervision sinnvoll sein. Und es kann Fälle geben, in denen ein Mediator zu dem Ergebnis kommt, eine Mediation nicht zu übernehmen oder nicht fortzuführen. Auch berufsethische Grundsätze und der Umgang mit möglichen Interessenkonflikten gehören zu einem professionellen Rollenverständnis; ausführlicher behandle ich dies im Verhaltenskodex für Mediatoren.
Mediatoren lernen Gesprächstechniken, Fragetechniken und unterschiedliche Möglichkeiten, ein Mediationsverfahren zu strukturieren. Dieses Handwerkszeug ist wichtig. Eine Methode allein sagt jedoch noch wenig darüber aus, mit welcher Haltung sie eingesetzt wird. Eine offene Frage kann echtes Interesse ausdrücken – oder lediglich der nächste Punkt eines erlernten Gesprächsschemas sein.
Die professionelle Haltung zeigt sich deshalb nicht daran, möglichst viele Methoden anwenden zu können. Entscheidend ist, ob der Mediator wahrnimmt, was im Gespräch geschieht, seine eigene Wirkung reflektiert und den Beteiligten zutraut, ihre Sichtweisen und Entscheidungen selbst zu entwickeln. Welche Rolle und Aufgaben ein Mediator im Verfahren übernimmt, beschreibe ich auf der entsprechenden Grundlagenseite ausführlicher.
Eine Mediationsausbildung kann Grundlagen vermitteln und die Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle anstoßen. Sie kann jedoch nicht dazu führen, dass persönliche Bewertungen, Unsicherheiten oder blinde Flecken anschließend verschwunden sind. Neue Konflikte, Menschen und Situationen können einen Mediator immer wieder mit Reaktionen konfrontieren, die er vorher nicht erwartet hat.
Professionelle Haltung bleibt deshalb eine Aufgabe. Erfahrung kann helfen, eigene Reaktionsmuster schneller zu erkennen. Austausch mit Kollegen, Supervision und Fortbildung können weitere Perspektiven eröffnen. Entscheidend bleibt jedoch die Bereitschaft, auch die eigene Wahrnehmung immer wieder infrage zu stellen.
Mediatoren beschäftigen sich intensiv mit den unterschiedlichen Wirklichkeiten der Konfliktparteien. Dabei sollte die eigene Wirklichkeit nicht ausgenommen werden. Auch der Mediator sieht einen Konflikt nicht so, wie er „wirklich“ ist. Er sieht und hört ihn aus seiner Perspektive – mit seiner Erfahrung, seinen Werten und seinen spontanen Reaktionen.
Die besondere Verantwortung liegt darin, sich dieser Perspektive bewusst zu bleiben. Vielleicht ist deshalb nicht der Mediator besonders professionell, der von sich überzeugt ist, keine eigenen Bewertungen zu haben. Professioneller handelt möglicherweise derjenige, der bemerkt, wenn er eine hat – und sich fragt, welchen Einfluss sie gerade auf seine Arbeit nimmt.
Die Haltung des Mediators zeigt sich nicht darin, keine eigenen Gedanken, Gefühle oder Bewertungen zu haben. Sie zeigt sich darin, sie wahrzunehmen, zu reflektieren und den Konfliktparteien trotzdem ihren eigenen Weg durch den Konflikt zu lassen.
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