Warum geraten Menschen immer wieder über dieselben Themen in Streit? Weshalb eskaliert ein Konflikt im Team, obwohl der ursprüngliche Anlass längst geklärt scheint? Und warum verändert sich manchmal wenig, obwohl sich die Beteiligten bereits auf eine Lösung geeinigt haben? Die systemische Mediation richtet den Blick nicht allein auf den aktuellen Streit, sondern auch auf die Beziehungen, Erwartungen und Rahmenbedingungen, in denen er entsteht. Sie hilft den Beteiligten, wiederkehrende Muster zu erkennen und neue Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln.
Dabei geht es nicht darum, eine verborgene Ursache aufzudecken oder einzelnen Menschen vorschnell die Verantwortung zuzuschreiben. Vielmehr wird gemeinsam untersucht, wie die Beteiligten aufeinander reagieren, welche Bedingungen den Konflikt beeinflussen und was sie selbst verändern können.
Was ist systemische Mediation?
Systemische Mediation ist ein Mediationsansatz, der Konflikte im Zusammenhang mit Beziehungen, wiederkehrenden Verhaltensmustern und äußeren Rahmenbedingungen betrachtet. Sie verbindet die Grundprinzipien der Mediation mit einer systemischen Betrachtungsweise. Dabei berücksichtigt sie, dass menschliches Verhalten in Beziehungen und unter bestimmten Lebens- oder Arbeitsbedingungen entsteht.
Ein Konflikt zwischen zwei Personen kann beispielsweise mit unausgesprochenen Erwartungen, unterschiedlichen Rollen, organisatorischen Vorgaben oder früheren Erfahrungen zusammenhängen. Der aktuelle Streit ist dann möglicherweise nur ein Teil eines umfassenderen Problems.
Der Begriff „System“ bezeichnet einen Zusammenhang miteinander verbundener Personen und Strukturen. Das kann eine Familie, ein Arbeitsteam, ein Unternehmen oder eine Nachbarschaft sein. Verändert sich das Verhalten einer Person, kann dies Auswirkungen auf andere haben. Deren Reaktionen beeinflussen wiederum das eigene Verhalten. Die systemische Mediation betrachtet solche Wechselwirkungen, ohne vorschnell festzulegen, wer den Konflikt verursacht hat.
Die Konfliktparteien entwickeln ihre Lösungen eigenverantwortlich. Der Mediator strukturiert die Gespräche, unterstützt die Kommunikation und hilft dabei, unterschiedliche Sichtweisen sowie mögliche Zusammenhänge sichtbar zu machen. Er entscheidet weder über Schuld noch über das Ergebnis.
Was bedeutet die systemische Sicht auf einen Konflikt?
Im Alltag wird ein Konflikt häufig als Problem einzelner Menschen beschrieben: Eine Person verhält sich schwierig, eine andere reagiert empfindlich oder jemand hält sich nicht an Absprachen. Solche Beschreibungen können wichtige Beobachtungen enthalten. Sie erklären jedoch nicht immer, weshalb ein Streit entsteht oder sich wiederholt.
Die systemische Mediation erweitert deshalb den Blick: Wie reagieren die Beteiligten aufeinander? Welche Erwartungen bleiben unausgesprochen? Und welche Rollen, Regeln oder äußeren Bedingungen beeinflussen ihr Verhalten? Dabei können auch Erkenntnisse über die psychologischen Hintergründe von Konflikten helfen, unterschiedliche Reaktionen besser einzuordnen.
Drei Grundgedanken sind dabei besonders wichtig:
- Wechselwirkungen: Das Verhalten einer Person beeinflusst andere Menschen und wird zugleich von deren Reaktionen beeinflusst.
- Unterschiedliche Wahrnehmungen: Menschen können dieselbe Situation unterschiedlich erleben und ihr verschiedene Bedeutungen geben.
- Veränderungsmöglichkeiten: Wenn Beteiligte ihre bisherigen Muster erkennen, können sie neue Formen des Umgangs miteinander entwickeln.
Ein ergänzendes Modell zur Betrachtung von Beziehungen und Erwartungen sind die zehn Systemgesetze nach Dr. Dieter Bischop. Sie beschäftigen sich unter anderem mit Zugehörigkeit, Wertschätzung und dem Ausgleich zwischen Geben und Nehmen. Wie dieses Modell aufgebaut ist und welche Bedeutung es für das Zusammenleben und die Zusammenarbeit haben kann, erläutert mein Beitrag über die zehn Systemgesetze nach Dr. Dieter Bischop.
Die systemische Sicht bedeutet allerdings nicht, dass alle Beteiligten für jedes Verhalten gleichermaßen verantwortlich sind. Insbesondere bei Machtungleichgewichten, Grenzverletzungen oder Gewalt müssen Verantwortung und Sicherheit ausdrücklich berücksichtigt werden.
Wie unterscheidet sich systemische Mediation von anderen Mediationsansätzen?
Auch andere Mediationsansätze berücksichtigen Beziehungen, Bedürfnisse, Kommunikation und die Hintergründe eines Konflikts. Die systemische Mediation unterscheidet sich deshalb nicht grundsätzlich dadurch, dass sie nachhaltige Lösungen oder einen Perspektivwechsel anstrebt. Ihr besonderer Schwerpunkt liegt vielmehr darauf, wiederkehrende Interaktionsmuster und den weiteren Kontext eines Konflikts bewusst in die Bearbeitung einzubeziehen.
Statt ausschließlich zu fragen, worüber gestritten wird, untersucht sie beispielsweise, wie bestimmte Reaktionen immer wieder neue Gegenreaktionen auslösen. Gleichzeitig richtet sie den Blick auf vorhandene Ressourcen: Wann funktioniert die Zusammenarbeit bereits? Unter welchen Bedingungen tritt das Problem seltener auf? Und welche Veränderungen haben die Beteiligten früher erfolgreich bewältigt?
Welche Vorgehensweise geeignet ist, hängt vom konkreten Konflikt und den Bedürfnissen der Beteiligten ab. Systemische Methoden können auch innerhalb anderer Mediationsansätze eingesetzt werden.
Welche Ziele verfolgt die systemische Mediation?
Systemische Mediation unterstützt die Konfliktparteien dabei, ihre Situation besser zu verstehen und eigenverantwortlich Lösungen zu entwickeln. Neben der Klärung einer konkreten Streitfrage kann es darum gehen, die Kommunikation zu verbessern, unausgesprochene Erwartungen sichtbar zu machen oder wiederkehrende Schwierigkeiten anders zu bewältigen. Welche Ziele verfolgt werden, entscheiden die Beteiligten gemeinsam.
Im Mittelpunkt können dabei stehen:
- unterschiedliche Wahrnehmungen und Interessen verständlich machen,
- wiederkehrende Konfliktmuster erkennen,
- Rollen, Zuständigkeiten und Erwartungen klären,
- vorhandene Stärken und funktionierende Formen der Zusammenarbeit nutzen,
- konkrete Vereinbarungen und neue Handlungsmöglichkeiten entwickeln.
Nicht jeder Konflikt erfordert eine grundlegende Veränderung des gesamten Systems. Manchmal genügt eine klare Absprache. In anderen Fällen ist es sinnvoll, auch die Bedingungen zu betrachten, unter denen der Streit immer wieder entsteht.
Wann kann systemische Mediation sinnvoll sein?
Eine systemische Betrachtung kann besonders hilfreich sein, wenn Konflikte wiederholt auftreten, mehrere Menschen betroffen sind oder sich der Streit nicht allein durch die Klärung eines einzelnen Sachthemas erklären lässt. Typische Anwendungsbereiche sind Familien, Unternehmen und Nachbarschaften.
Familienkonflikte
In Familien treffen unterschiedliche Erwartungen, gewachsene Rollen und persönliche Erfahrungen aufeinander. Bei einem Erbschaftsstreit geht es beispielsweise nicht immer nur um die Verteilung von Vermögen. Auch Fragen nach Anerkennung, früheren Ungleichbehandlungen oder familiären Verpflichtungen können eine Rolle spielen. Systemische Mediation kann helfen, diese Zusammenhänge sichtbar zu machen und zwischen persönlichen Anliegen und rechtlich zu klärenden Fragen zu unterscheiden.
Konflikte am Arbeitsplatz
In einem Team können unklare Zuständigkeiten, widersprüchliche Erwartungen oder Veränderungen in der Organisation zu Spannungen beitragen. Wenn sich Beschäftigte gegenseitig mangelnde Zusammenarbeit vorwerfen, lohnt sich deshalb möglicherweise auch der Blick auf Arbeitsabläufe und Entscheidungswege. Eine systemische Mediation kann helfen, persönliche Konflikte und strukturelle Probleme voneinander zu unterscheiden. Organisatorische Veränderungen müssen jedoch von den dafür verantwortlichen Personen entschieden und umgesetzt werden.
Nachbarschaftskonflikte
Bei Streit über Lärm, Grundstücksgrenzen oder gemeinschaftlich genutzte Flächen können sich über längere Zeit feste Erwartungen und negative Deutungen entwickeln. Jede neue Situation wird dann möglicherweise durch frühere Erfahrungen bewertet. Die systemische Betrachtung kann helfen, solche Muster zu erkennen und konkrete Regeln für den zukünftigen Umgang miteinander zu entwickeln.
Praxisbeispiel: Wenn ein Team immer wieder in Streit gerät
In einem Unternehmen kommt es regelmäßig zu Auseinandersetzungen zwischen zwei Beschäftigten. Eine Person wirft der anderen vor, Informationen zurückzuhalten. Die andere fühlt sich ständig kontrolliert und reagiert zunehmend zurückhaltend. Im Mediationsgespräch wird deutlich, dass beide ihre Reaktionen unterschiedlich verstehen: Die häufigen Nachfragen sollen aus Sicht der einen Person Fehler vermeiden. Die andere erlebt sie als Misstrauen und zieht sich deshalb zurück. Dieser Rückzug verstärkt wiederum den Eindruck, wichtige Informationen würden fehlen.
Der Mediator unterstützt die Beteiligten dabei, diesen Kreislauf zu erkennen. Zusätzlich zeigt sich, dass im Unternehmen keine eindeutigen Regeln für die Weitergabe bestimmter Informationen bestehen. Die Beteiligten entwickeln deshalb Vorschläge für feste Abstimmungen und klare Zuständigkeiten. Soweit organisatorische Entscheidungen erforderlich sind, werden die zuständigen Führungskräfte einbezogen.
Das Beispiel ist fiktiv. Es verdeutlicht, wie eine systemische Betrachtung persönliche Reaktionen und organisatorische Bedingungen miteinander in Beziehung setzen kann. Ob die vereinbarten Veränderungen tatsächlich funktionieren, muss sich anschließend im Arbeitsalltag zeigen.
Wie läuft eine systemische Mediation ab?
Systemische Mediation folgt keinem einheitlichen, ausschließlich für diesen Ansatz vorgeschriebenen Ablauf. Sie kann sich an den üblichen Phasen einer Mediation orientieren und diese durch systemische Fragen und Methoden ergänzen. Die folgenden fünf Schritte beschreiben einen möglichen Verlauf.
1. Auftrag und Rahmenbedingungen klären
Zu Beginn wird besprochen, wer am Konflikt beteiligt ist, welches Anliegen bearbeitet werden soll und welche Erwartungen bestehen. Auch Freiwilligkeit, Vertraulichkeit, Kosten, Zuständigkeiten und mögliche Sicherheitsrisiken müssen geklärt werden. Bei Konflikten in Organisationen ist zusätzlich wichtig, zwischen Auftraggebern, teilnehmenden Konfliktparteien und entscheidungsbefugten Personen zu unterscheiden.
2. Konflikt und unterschiedliche Sichtweisen verstehen
Die Beteiligten schildern ihre Wahrnehmungen und benennen die Themen, die sie klären möchten. Der Mediator unterstützt sie dabei, Beobachtungen, Bewertungen, Gefühle und Interessen auseinanderzuhalten. Systemische Fragen können weitere Zusammenhänge sichtbar machen: Wann tritt der Konflikt besonders häufig auf? Wer ist davon betroffen? Was verändert sich, wenn eine Person anders reagiert?
3. Beziehungen und Muster betrachten
Im nächsten Schritt werden wiederkehrende Reaktionen, Rollen und Rahmenbedingungen untersucht. Dabei geht es nicht darum, eine einzige wahre Ursache festzustellen. Vielmehr werden mögliche Erklärungen gemeinsam geprüft. Auch Ausnahmen sind interessant: Wann gelingt die Zusammenarbeit trotz des Konflikts? Welche Bedingungen sind dann anders?
4. Handlungsmöglichkeiten entwickeln
Die Konfliktparteien überlegen, was sie verändern möchten und welche Schritte sie selbst beeinflussen können. Dazu gehören beispielsweise neue Kommunikationsregeln, veränderte Zuständigkeiten oder konkrete Vereinbarungen für schwierige Situationen. Die Vorschläge werden auf ihre Umsetzbarkeit geprüft. Veränderungen, die andere Personen oder organisatorische Entscheidungen betreffen, können nicht ohne die erforderliche Mitwirkung oder Zustimmung verbindlich beschlossen werden.
5. Vereinbarungen treffen und Umsetzung prüfen
Zum Abschluss können die Beteiligten ihre Ergebnisse festhalten. Sinnvoll ist es, möglichst konkret zu vereinbaren, wer was bis wann übernimmt und wie bei erneuten Schwierigkeiten vorgegangen werden soll. Bei länger bestehenden Konflikten kann ein späterer gemeinsamer Termin helfen, die Erfahrungen mit den Vereinbarungen auszuwerten und gegebenenfalls Anpassungen vorzunehmen.
Welche Methoden werden in der systemischen Mediation eingesetzt?
Systemische Mediation nutzt unterschiedliche Gesprächs- und Reflexionsmethoden. Entscheidend ist nicht die Anzahl der eingesetzten Techniken, sondern ob sie zum Anliegen passen und den Beteiligten bei ihrer eigenen Klärung helfen. Einen Überblick über weitere Vorgehensweisen bietet meine Seite zu den Methoden in der Mediation.
Zirkuläre Fragen
Zirkuläre Fragen lenken die Aufmerksamkeit auf Beziehungen und wechselseitige Wahrnehmungen. Der Mediator könnte beispielsweise fragen: „Was glauben Sie, wie Ihre Kollegin die Situation erlebt?“ oder „Was würde Ihr Kollege bemerken, wenn sich Ihre Zusammenarbeit verbessert hätte?“ Die Antworten sind Vermutungen und kein gesichertes Wissen über andere Menschen. Sie können jedoch neue Sichtweisen eröffnen.
Perspektivwechsel
Die Beteiligten werden eingeladen, eine Situation probeweise aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Dabei geht es nicht darum, die eigene Sicht aufzugeben oder das Verhalten anderer zu entschuldigen. Ziel ist es, zusätzliche Deutungsmöglichkeiten zu erkennen. Wie ein Perspektivwechsel in der Mediation gelingen kann, erläutere ich in einem eigenen Beitrag.
Arbeit mit Hypothesen
Der Mediator kann vorläufige Annahmen über mögliche Zusammenhänge entwickeln und diese durch Fragen überprüfen. Solche Hypothesen sind keine Diagnosen und dürfen den Konfliktparteien nicht als feststehende Wahrheit präsentiert werden.
Reframing
Beim Reframing wird eine Aussage in einen anderen Bedeutungszusammenhang gestellt. Hinter dem Vorwurf „Sie kontrollieren ständig meine Arbeit“ könnte beispielsweise auch ein Bedürfnis nach Verlässlichkeit oder Sicherheit stehen. Eine solche Umdeutung ist lediglich ein Gesprächsangebot. Die betroffene Person entscheidet selbst, ob sie sich darin wiederfindet.
Visualisierung von Beziehungen und Strukturen
Skizzen, Beziehungskarten oder andere Visualisierungen können helfen, Beteiligte, Zuständigkeiten und Wechselwirkungen übersichtlich darzustellen. Das kann besonders bei Konflikten mit mehreren Personen oder komplexen organisatorischen Abläufen nützlich sein.
Ressourcen- und lösungsorientierte Fragen
Neben Schwierigkeiten werden auch vorhandene Fähigkeiten und gelungene Situationen betrachtet. Fragen wie „Wann hat die Zusammenarbeit bereits funktioniert?“ oder „Was hat damals geholfen?“ können Anknüpfungspunkte für neue Vereinbarungen liefern.
Welche Rolle übernimmt der systemisch arbeitende Mediator?
Der Mediator ist für die Gestaltung und Strukturierung des Verfahrens verantwortlich, nicht für die inhaltliche Entscheidung der Konfliktparteien. Er unterstützt die Kommunikation, stellt Fragen und hilft dabei, unterschiedliche Sichtweisen sowie mögliche Zusammenhänge sichtbar zu machen. Eine systemische Haltung bedeutet insbesondere, neugierig auf verschiedene Erklärungen zu bleiben und eigene Annahmen kritisch zu überprüfen.
Der Mediator sollte nicht vorschnell festlegen, welches Verhalten als Ursache eines Konflikts anzusehen ist oder welche Veränderung die Beteiligten vornehmen müssen. Allparteilichkeit bedeutet, die Anliegen aller Beteiligten ernst zu nehmen. Sie verlangt jedoch nicht, Machtunterschiede, Grenzverletzungen oder Sicherheitsrisiken zu übersehen. Der Mediator muss prüfen, ob eine eigenverantwortliche und freiwillige Konfliktbearbeitung unter den gegebenen Bedingungen möglich ist.
Welche Chancen bietet die systemische Mediation?
Eine Chance liegt darin, dass die Beteiligten über den unmittelbaren Streitgegenstand hinausblicken können. Wenn sie erkennen, wie ihre Reaktionen zusammenwirken und welche äußeren Bedingungen den Konflikt beeinflussen, entstehen möglicherweise zusätzliche Handlungsmöglichkeiten. Statt ausschließlich den letzten Streit zu besprechen, können sie untersuchen, welche Situationen ähnliche Auseinandersetzungen auslösen und was sie künftig anders machen möchten.
Die systemische Mediation kann außerdem helfen, vorhandene Ressourcen zu nutzen und Vereinbarungen an den tatsächlichen Lebens- oder Arbeitsbedingungen auszurichten. Diese Möglichkeiten sind jedoch keine Erfolgsgarantie. Ob eine Mediation zu einer tragfähigen Vereinbarung führt und ob diese langfristig Bestand hat, hängt unter anderem vom Konflikt, der Mitwirkungsbereitschaft und den Möglichkeiten zur Umsetzung ab. Eine allgemeingültige Erfolgsquote speziell für systemische Mediation lässt sich daraus nicht ableiten.
Welche Nachteile und Herausforderungen bestehen?
Die Betrachtung größerer Zusammenhänge kann einen Konflikt verständlicher machen. Sie kann aber auch überfordern, wenn zu viele Themen gleichzeitig bearbeitet werden. Deshalb muss gemeinsam geklärt werden, welche Fragen für das konkrete Anliegen tatsächlich relevant sind.
Eine weitere Herausforderung besteht darin, dass nicht alle betroffenen Personen am Verfahren teilnehmen oder über notwendige Veränderungen entscheiden können. In einem Unternehmen lassen sich beispielsweise Zuständigkeiten nicht allein durch zwei Beschäftigte verändern, wenn die Entscheidung bei der Führung liegt.
Auch systemische Hypothesen bergen Risiken. Werden Vermutungen über familiäre Rollen oder organisatorische Muster als Tatsachen dargestellt, können neue Zuschreibungen entstehen. Deshalb müssen unterschiedliche Erklärungen offenbleiben und überprüfbar sein.
Der zeitliche und finanzielle Aufwand hängt vom Einzelfall ab. Eine systemische Mediation ist nicht grundsätzlich schneller, günstiger oder erfolgreicher als andere Formen der Konfliktbearbeitung.
Wo liegen die Grenzen der systemischen Mediation?
Systemische Mediation kann keine Veränderungen erzwingen. Sie ersetzt weder die Entscheidung zuständiger Personen noch eine notwendige rechtliche Klärung. Wenn beispielsweise eine verbindliche Entscheidung über Eigentumsrechte oder arbeitsrechtliche Ansprüche benötigt wird, können andere Verfahren oder unabhängige Rechtsberatung erforderlich sein.
Besondere Vorsicht ist bei Gewalt, Drohungen, erheblicher Einschüchterung und schwerwiegenden Machtungleichgewichten geboten. Die Betrachtung wechselseitiger Reaktionen darf nicht dazu führen, Verantwortung für Gewalt zu relativieren oder betroffene Personen zu einer gemeinsamen Aussprache zu drängen. Sicherheit und Freiwilligkeit haben Vorrang.
Auch wenn eine Person aufgrund erheblicher Belastungen nicht in der Lage ist, ihre Interessen eigenverantwortlich wahrzunehmen, muss die Eignung des Verfahrens sorgfältig geprüft werden. Je nach Situation können spezialisierte Beratungsangebote, therapeutische Unterstützung oder rechtliche Schritte angemessener sein.
Die Aufgabe des Mediators besteht deshalb auch darin, die Grenzen seines Vorgehens zu erkennen und gegebenenfalls auf andere Unterstützungsmöglichkeiten hinzuweisen.
Welche rechtlichen Grundlagen gelten?
Für die systemische Mediation gelten die allgemeinen rechtlichen Grundlagen der Mediation. Sie ist keine eigenständig gesetzlich geregelte Verfahrensart. Informationen zum Mediationsgesetz, zur Verschwiegenheit und zu weiteren rechtlichen Fragen finden Sie in meinem Themenbereich Recht in der Mediation.
Was kostet eine systemische Mediation und wie lange dauert sie?
Dauer und Kosten hängen insbesondere von der Anzahl der Beteiligten, der Komplexität des Konflikts und dem vereinbarten Umfang ab. Ein Konflikt zwischen zwei Personen kann andere Anforderungen stellen als eine Mediation in einem größeren Team. Vor Beginn sollten Sie klären, wie die Vergütung berechnet wird, welche zusätzlichen Kosten entstehen können und wer diese trägt. Ebenso sinnvoll ist eine Vereinbarung darüber, wann gemeinsam überprüft wird, ob das Verfahren fortgesetzt werden soll. Eine feste Anzahl von Sitzungen oder ein bestimmtes wirtschaftliches Ergebnis lässt sich nicht allgemein zusichern.
Was sollten Sie vor einer systemischen Mediation klären?
Bevor Sie sich für eine systemische Mediation entscheiden, sollten Sie überlegen, welches Ergebnis Sie sich wünschen. Möchten Sie eine konkrete Streitfrage klären, wiederkehrende Konflikte besser verstehen oder die Zusammenarbeit mit anderen Menschen verändern? Fragen Sie außerdem, wer am Verfahren teilnehmen sollte und wer über mögliche Veränderungen entscheiden kann. Gerade in Unternehmen und Familien ist es wichtig, die Zuständigkeiten und Grenzen der Beteiligten frühzeitig zu klären.
Besprechen Sie mit dem Mediator, welche Methoden vorgesehen sind, wie mit vertraulichen Informationen umgegangen wird und welche Kosten entstehen. Ein verständlicher Ablauf und realistische Erwartungen sind wichtiger als das Versprechen einer besonders schnellen oder dauerhaft konfliktfreien Lösung.
Häufige Fragen zur systemischen Mediation
- Was bedeutet „systemisch“ in der Mediation?
Die Beteiligten betrachten nicht nur den aktuellen Streit, sondern auch Beziehungen, wiederkehrende Reaktionen und äußere Bedingungen, die den Konflikt beeinflussen können. - Müssen alle Personen aus dem betroffenen System teilnehmen?
Nein. Es muss jedoch geklärt werden, wer für das Anliegen erforderlich ist und wer über mögliche Veränderungen entscheiden darf. Abwesende Personen können nicht ohne ihre Mitwirkung zu Vereinbarungen verpflichtet werden. - Ist systemische Mediation erfolgreicher als andere Mediationsformen?
Ein allgemeiner Vorrang lässt sich nicht belegen. Entscheidend ist, ob der gewählte Ansatz zum Konflikt und zu den Bedürfnissen der Beteiligten passt. - Kann systemische Mediation zukünftige Konflikte verhindern?
Sie kann helfen, wiederkehrende Muster zu erkennen und neue Umgangsweisen zu entwickeln. Dass dadurch sämtliche zukünftigen Konflikte verhindert werden, lässt sich nicht garantieren. - Ist systemische Mediation gesetzlich geregelt?
Sie ist nicht als eigenständige Verfahrensart geregelt. Wird sie als Mediation im Sinne des Mediationsgesetzes durchgeführt, gelten dessen Anforderungen.
Fazit: Nicht nur den Streit, sondern auch seine Zusammenhänge verstehen
Systemische Mediation erweitert den Blick auf einen Konflikt. Sie berücksichtigt neben den unterschiedlichen Positionen auch Beziehungen, Erwartungen, wiederkehrende Reaktionen und äußere Rahmenbedingungen. Dadurch können Zusammenhänge sichtbar werden, die bei einer ausschließlich auf den aktuellen Streitgegenstand gerichteten Betrachtung möglicherweise unbeachtet bleiben.
Ob daraus eine tragfähige Lösung entsteht, entscheiden die Beteiligten selbst. Die systemische Sichtweise kann ihnen helfen, neue Handlungsmöglichkeiten zu erkennen und Vereinbarungen zu entwickeln, die ihre tatsächliche Situation berücksichtigen. Sie ersetzt jedoch weder die Mitwirkung notwendiger Entscheidungsträger noch rechtliche oder andere fachliche Unterstützung, wenn diese erforderlich ist.
