Frank Hartung Mediation

Mediation bei Geschwisterkonflikten – Streit zwischen Geschwistern klären

Geschwister kennen sich oft so lange wie kaum ein anderer Mensch. Sie sind gemeinsam aufgewachsen, haben dieselben Eltern erlebt und viele Erinnerungen miteinander. Trotzdem können sie ihre gemeinsame Familiengeschichte völlig unterschiedlich wahrnehmen. Was für den einen eine belanglose Erinnerung ist, kann für den anderen bis heute mit dem Gefühl verbunden sein, weniger beachtet, stärker gefordert oder gegenüber dem Bruder oder der Schwester benachteiligt worden zu sein.

Geschwisterkonflikte können deshalb weit über den aktuellen Anlass hinausgehen. Bei Kindern geht es vielleicht darum, wer mehr Aufmerksamkeit bekommt, wem etwas gehört oder wer etwas darf. Erwachsene Geschwister streiten über die Unterstützung der Eltern, unterschiedliche Erwartungen innerhalb der Familie, Geld oder ein Erbe. Manchmal genügt dabei ein einziger Satz und plötzlich ist nicht mehr nur der aktuelle Streit im Raum, sondern eine Familiengeschichte, die viele Jahre zurückreicht. Mediation kann einen Rahmen bieten, um solche unterschiedlichen Sichtweisen miteinander zu besprechen.

Mediation bei Konflikten zwischen Geschwistern

Was macht Konflikte zwischen Geschwistern besonders?

Geschwisterbeziehungen sind besondere Beziehungen. Anders als Freundschaften werden sie nicht selbst gewählt. Gleichzeitig begleiten sie Menschen häufig über einen großen Teil ihres Lebens. Nähe, Verbundenheit und gemeinsame Erinnerungen können ebenso dazugehören wie Konkurrenz, Abgrenzung oder das Gefühl, innerhalb der Familie eine bestimmte Rolle eingenommen zu haben.

Deshalb geht es in einem Geschwisterstreit nicht immer nur um die Frage, die gerade diskutiert wird. Zwei Brüder können darüber streiten, wer sich häufiger um den Vater kümmern soll. Hinter der Auseinandersetzung kann jedoch auch die Wahrnehmung stehen, dass einer von beiden schon früher mehr Verantwortung übernehmen musste. Zwei Schwestern können sich über eine finanzielle Frage streiten und dabei plötzlich darüber sprechen, wer von den Eltern angeblich immer bevorzugt wurde. Der aktuelle Konflikt und die gemeinsame Familiengeschichte können sich miteinander verbinden.

 

Wenn alte Rollen plötzlich wieder da sind

Innerhalb einer Familie entstehen mit der Zeit bestimmte Bilder voneinander. Einer gilt vielleicht als besonders zuverlässig, eine andere als schwierig, einer als erfolgreich und eine andere als diejenige, die sich immer kümmert. Solche Zuschreibungen können lange bestehen bleiben, auch wenn sich die Menschen längst verändert haben. Gerade bei erwachsenen Geschwistern kann das überraschend deutlich werden. Im Beruf treffen sie selbstständig weitreichende Entscheidungen, haben eigene Familien und führen seit vielen Jahren ihr eigenes Leben. Sobald sie jedoch mit ihren Geschwistern über ein schwieriges Familienthema sprechen, können alte Erwartungen und Reaktionen wieder auftauchen. Der ältere Bruder entscheidet vermeintlich wieder alles. Die jüngere Schwester fühlt sich erneut nicht ernst genommen. Oder derjenige, der in der Nähe der Eltern lebt, hat den Eindruck, dass die anderen selbstverständlich erwarten, dass er sich kümmert.

In einer Mediation geht es nicht darum festzustellen, wer die gemeinsame Vergangenheit richtig erinnert. Entscheidend ist vielmehr, welche Bedeutung diese Erfahrungen für den heutigen Konflikt haben und welche Erwartungen daraus entstanden sind.

 

Worüber streiten Geschwister?

Bei Kindern und Jugendlichen können Konflikte um Aufmerksamkeit, persönliche Dinge, gemeinsame Räume, Regeln oder unterschiedliche Freiheiten entstehen. Auch das Gefühl, dass ein Geschwisterkind bevorzugt oder strenger behandelt wird, kann eine Rolle spielen. Nicht jeder Streit zwischen Geschwistern benötigt deshalb eine Mediation. Auseinandersetzungen gehören zum Familienalltag. Wenn sich Konflikte jedoch dauerhaft festsetzen, Gespräche regelmäßig eskalieren oder die Beziehung innerhalb der Familie erheblich belasten, kann Unterstützung sinnvoll sein.

Dabei kann auch die Beziehung zu den Eltern eine Rolle spielen. Eltern möchten einen Streit verständlicherweise beenden, sind aber gleichzeitig selbst Teil des Familiensystems und werden von ihren Kindern möglicherweise nicht als unbeteiligte Vermittler erlebt.

Bei erwachsenen Geschwistern verändern sich die Themen häufig. Dann geht es beispielsweise darum, wer Verantwortung für älter werdende Eltern übernimmt, wie Aufgaben verteilt werden, wie häufig Kontakt erwartet wird oder wie mit finanziellen Fragen umgegangen werden soll. Auch unterschiedliche Lebenswege, räumliche Entfernung oder Erwartungen an gegenseitige Unterstützung können Konflikte auslösen.

 

„Du warst schon immer der Liebling“

Ein Bruder lebt nur wenige Kilometer von der Mutter entfernt und unterstützt sie regelmäßig im Alltag. Seine Schwester wohnt mehrere hundert Kilometer entfernt. Als die Mutter zunehmend Hilfe benötigt, fordert der Bruder, dass sich seine Schwester stärker beteiligt. Die Schwester verweist auf ihre berufliche Situation und darauf, dass sie nicht einfach regelmäßig anreisen könne.

Was zunächst wie ein organisatorisches Problem aussieht, verändert sich im Gespräch. Der Bruder sagt irgendwann: „Du konntest dich doch schon immer aus allem heraushalten.“ Die Schwester antwortet: „Dafür warst du auch immer derjenige, auf den unsere Eltern gehört haben.“ Plötzlich geht es nicht mehr nur darum, wer die Mutter wann unterstützt. Beide verbinden die aktuelle Situation mit ihrer jeweiligen Erfahrung innerhalb der Familie.

Eine Lösung allein für die Verteilung einzelner Aufgaben könnte dann zu kurz greifen. Zunächst kann es notwendig sein zu verstehen, warum beide die Situation so unterschiedlich erleben und welche Erwartungen sie aneinander haben.

 

Wenn Geschwisterkonflikte mit Älterwerden oder Erbe zusammenhängen

Die Themen können sich überschneiden. Bei einem Geschwisterkonflikt steht zunächst die Beziehung zwischen den Geschwistern und deren unterschiedliche Sicht auf den Konflikt im Mittelpunkt. Wenn sich die Auseinandersetzung wesentlich aus Veränderungen ergibt, die mit dem Älterwerden der Eltern verbunden sind – beispielsweise Unterstützungsbedarf, Pflege, Wohnen oder Selbstbestimmung –, kann der Konflikt zugleich Fragen der Elder Mediation berühren.

Geht es dagegen wesentlich um einen Nachlass, eine Erbengemeinschaft oder die Verteilung von Vermögenswerten nach einem Todesfall, steht stärker die Erbschaftsmediation im Vordergrund. Auch dort können alte Geschwisterkonflikte allerdings eine erhebliche Rolle spielen. Ein Streit über ein Haus, ein Erinnerungsstück oder eine finanzielle Verteilung kann mit Erfahrungen verbunden sein, die lange vor dem Erbfall entstanden sind.

Die Grenzen sind deshalb nicht immer eindeutig. Entscheidend ist weniger, welcher Begriff auf einen Konflikt passt, sondern welche Themen die Beteiligten tatsächlich miteinander klären möchten.

 

Wie kann Mediation bei Geschwisterkonflikten helfen?

Wenn Geschwister immer wieder über dieselben Themen streiten, entwickeln sich häufig feste Gesprächsmuster. Eine Bemerkung löst die nächste aus, frühere Vorwürfe kommen hinzu und irgendwann geht es kaum noch um die ursprüngliche Frage. Gerade weil Geschwister einander lange kennen, wissen sie häufig sehr genau, welche Aussagen beim anderen eine Reaktion hervorrufen.

In der Mediation wird zunächst sichtbar gemacht, welche Themen die Beteiligten tatsächlich beschäftigen und wie unterschiedlich sie die Situation erleben. Meine Aufgabe als Mediator besteht nicht darin zu entscheiden, welches Geschwister recht hat oder wessen Erinnerung an die gemeinsame Familiengeschichte zutreffender ist. Ich unterstütze die Beteiligten dabei, ihre Sichtweisen, Interessen und Erwartungen verständlich zu machen und die Perspektive des anderen in das Gespräch einzubeziehen. Daraus können Möglichkeiten entstehen, wie sie mit dem aktuellen Konflikt künftig umgehen möchten.

 

Müssen sich Geschwister anschließend wieder gut verstehen?

Mediation verfolgt nicht das Ziel, aus Geschwistern wieder eine harmonische Familie zu machen. Manchmal wünschen sich Beteiligte wieder mehr Nähe. In anderen Fällen geht es vor allem darum, eine konkrete Angelegenheit regeln zu können, obwohl die Beziehung schwierig bleibt. Auch der Wunsch nach mehr Abstand kann eine Realität sein, mit der die Beteiligten umgehen müssen. Eine Vereinbarung kann deshalb ganz unterschiedlich aussehen. Sie kann konkrete Aufgaben oder Verantwortlichkeiten betreffen, den zukünftigen Kontakt oder den Umgang mit bestimmten Familienthemen. Entscheidend ist, dass die Beteiligten selbst bestimmen, welche Regelung für ihre Situation sinnvoll und tragfähig erscheint.

 

Wie läuft eine Mediation zwischen Geschwistern ab?

Zu Beginn wird geklärt, worum es in dem Konflikt geht und wer daran beteiligt ist. Gerade bei Geschwisterkonflikten kann sich die Frage stellen, ob ausschließlich die Geschwister miteinander sprechen oder ob weitere Familienmitglieder für bestimmte Themen einbezogen werden sollten.

Anschließend werden die unterschiedlichen Themen und Sichtweisen gesammelt. Jeder Beteiligte erhält die Möglichkeit zu erklären, wie er die Situation erlebt, was ihm wichtig ist und welche Erwartungen oder Interessen hinter seiner Position stehen. Erst darauf aufbauend werden Möglichkeiten für den zukünftigen Umgang mit dem Konflikt entwickelt. Welche Vereinbarungen getroffen werden, entscheiden die Beteiligten selbst. Wie eine Mediation grundsätzlich aufgebaut ist, erläutere ich ausführlicher unter Ablauf einer Mediation.

 

Wann kann Mediation an Grenzen stoßen?

Nicht jeder Geschwisterkonflikt eignet sich automatisch für eine Mediation. Voraussetzung ist grundsätzlich, dass die Beteiligten ihre Interessen in das Gespräch einbringen und Entscheidungen selbstbestimmt treffen können. Erheblicher Druck, Gewalt oder ein starkes Machtungleichgewicht können eine Mediation erschweren oder einen anderen Rahmen notwendig machen.

Bei Konflikten mit Kindern und Jugendlichen muss zusätzlich berücksichtigt werden, ob und in welcher Form ihre Beteiligung sinnvoll ist. Alter und Reife, die konkrete Konfliktsituation und die Rolle der Eltern können dabei eine Rolle spielen. Auch rechtliche, medizinische oder therapeutische Fragen können außerhalb dessen liegen, was in einer Mediation geklärt werden kann.

 

Ist Mediation für Ihren Geschwisterkonflikt geeignet?

Mediation kann in Betracht kommen, wenn Gespräche zwischen Geschwistern immer wieder an denselben Punkten scheitern, alte Vorwürfe aktuelle Entscheidungen erschweren oder wichtige Familienfragen kaum noch gemeinsam besprochen werden können. Eine fertige Vorstellung davon, wie der Konflikt gelöst werden soll, ist dafür nicht erforderlich. Wichtig ist vielmehr die grundsätzliche Bereitschaft, die eigene Sicht darzustellen und sich auch mit der Perspektive der anderen Beteiligten auseinanderzusetzen. Ob Mediation im konkreten Fall einen geeigneten Rahmen bietet und wer an den Gesprächen beteiligt sein sollte, lässt sich häufig erst beurteilen, wenn die Situation etwas genauer betrachtet wurde.

 

Ein erstes Gespräch kann Orientierung geben

Wenn ein Konflikt zwischen Geschwistern Ihre Familie belastet, können wir in einem ersten Gespräch zunächst klären, worum es konkret geht, wer daran beteiligt ist und ob eine Mediation einen geeigneten Rahmen bieten kann. Sie müssen dafür weder bereits wissen, wie eine Lösung aussehen könnte, noch sämtliche Fragen innerhalb Ihrer Familie geklärt haben. Wenn Sie Ihre Situation zunächst besprechen möchten, können Sie mit mir Kontakt aufnehmen.

Geschwister müssen ihre gemeinsame Familiengeschichte nicht gleich erleben. Entscheidend kann sein, die unterschiedlichen Sichtweisen besprechen zu können, ohne dass die Vergangenheit jeden neuen Konflikt bestimmt.

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