Lösungsorientierte Mediation ist ein Ansatz der Konfliktbearbeitung, der die Aufmerksamkeit gezielt auf eine gewünschte Zukunft, vorhandene Fähigkeiten und mögliche Veränderungen richtet. Statt ausschließlich zu untersuchen, weshalb ein Konflikt entstanden ist, wird gefragt: Was soll künftig anders sein? Wann gelingt der Umgang miteinander bereits besser? Und welcher nächste Schritt könnte eine Verbesserung ermöglichen?
Der Ansatz greift Gedanken der lösungsfokussierten Arbeit auf, die insbesondere mit Steve de Shazer und Insoo Kim Berg verbunden ist. Zu seinen charakteristischen Werkzeugen gehören Fragen nach einer gewünschten Zukunft, nach Ausnahmen vom Problem und nach vorhandenen Ressourcen. In der Mediation werden diese Methoden genutzt, um Menschen mit unterschiedlichen Interessen bei der eigenverantwortlichen Entwicklung möglicher Vereinbarungen zu unterstützen.
Was zeichnet die lösungsorientierte Mediation aus?
Die Suche nach einer einvernehmlichen Lösung gehört grundsätzlich zur Mediation. Die Besonderheit des lösungsorientierten Ansatzes besteht deshalb nicht darin, dass nur hier nach Lösungen gesucht wird. Charakteristisch ist vielmehr die Art der Gesprächsführung: Die Beteiligten beschreiben möglichst konkret, woran sie eine Verbesserung erkennen würden. Anschließend erkunden sie, welche hilfreichen Erfahrungen und Fähigkeiten bereits vorhanden sind und wie sich daraus realistische Schritte entwickeln lassen.
Das kann einen festgefahrenen Streit verändern. Wer bisher vor allem darüber gesprochen hat, was die andere Person falsch macht, erhält Gelegenheit, eigene Wünsche und Handlungsmöglichkeiten genauer zu benennen. Eine gemeinsame Lösung setzt dabei nicht voraus, dass beide dieselbe Meinung vertreten. Warum Verstehen nicht gleich Verständnis ist, erläutere ich in meinem Blog. Allerdings darf der Blick auf die Zukunft nicht dazu führen, dass wichtige Verletzungen, ungeklärte Tatsachen oder berechtigte Ansprüche übergangen werden. Wie intensiv die Vergangenheit besprochen werden muss, hängt vom jeweiligen Konflikt ab.
Wie läuft eine lösungsorientierte Mediation ab?
Zunächst werden der Auftrag, die Konfliktthemen und die Erwartungen der Beteiligten geklärt. Dazu gehören auch die Voraussetzungen für eine freiwillige und faire Teilnahme sowie Vereinbarungen zum Umgang mit vertraulichen Informationen. Der Mediator unterstützt die Beteiligten anschließend dabei, ihre unterschiedlichen Vorstellungen von einer besseren Zukunft zu beschreiben. Aus allgemeinen Wünschen wie „Wir möchten wieder vernünftig zusammenarbeiten“ werden konkrete Fragen: Was müsste im Alltag anders laufen? Woran würden Sie eine Veränderung bemerken?
Danach wird erkundet, ob es bereits Situationen gibt, in denen der Konflikt weniger stark auftritt oder die Zusammenarbeit besser funktioniert. Vielleicht gelingt eine Abstimmung bei bestimmten Aufgaben zuverlässig, während andere regelmäßig Streit auslösen. Gemeinsam untersuchen die Beteiligten, was in diesen Situationen anders war und was sie davon künftig nutzen können.
Auf dieser Grundlage können mögliche Schritte entwickelt und gemeinsam geprüft werden. Die Beteiligten entscheiden, welche Veränderungen für sie infrage kommen, welche Voraussetzungen dafür notwendig sind und woran sie erkennen würden, ob eine Vereinbarung funktioniert. Der Mediator strukturiert das Gespräch und kann methodische Impulse geben. Er bestimmt jedoch weder die Lösung noch verpflichtet er die Beteiligten zu einer Einigung.
Welche Methoden werden eingesetzt?
Lösungsorientierte Mediation nutzt insbesondere Fragen, die Wünsche konkretisieren und bislang wenig beachtete Handlungsmöglichkeiten sichtbar machen. Die folgenden Techniken sind keine starre Abfolge. Der Mediator wählt sie passend zur Gesprächssituation aus und prüft, ob sie den Beteiligten tatsächlich weiterhelfen.
Wunderfrage: Die gewünschte Zukunft beschreiben
Die Wunderfrage lädt dazu ein, sich eine Situation vorzustellen, in der das belastende Problem nicht mehr besteht.
Beispielfrage:
„Angenommen, über Nacht geschieht ein Wunder und Ihr Konflikt ist gelöst. Woran würden Sie morgen als Erstes erkennen, dass sich etwas verändert hat?“
Die Antworten können aus allgemeinen Wünschen konkrete Vorstellungen machen. Vielleicht würde eine Person wieder direkt informiert, statt wichtige Entscheidungen über Dritte zu erfahren. Die andere würde bemerken, dass vereinbarte Aufgaben zuverlässig erledigt werden. Dabei können die Beteiligten unterschiedliche Vorstellungen von einer guten Zukunft haben. Die jeweiligen Erwartungen werden deshalb sichtbar gemacht und daraufhin geprüft, welche Veränderungen miteinander vereinbar sind.
Ausnahmefragen: Wann gelingt es bereits besser?
Ausnahmefragen suchen nach Situationen, in denen der Konflikt weniger ausgeprägt ist.
Beispielfrage:
„Gab es in letzter Zeit einen Moment, in dem Sie trotz Ihrer unterschiedlichen Auffassungen gut zusammenarbeiten konnten? Was war dort anders?“
Vielleicht waren die Zuständigkeiten eindeutig oder offene Fragen wurden frühzeitig angesprochen. Solche Beobachtungen liefern noch keine fertige Lösung, können aber Ansatzpunkte für Veränderungen eröffnen.
Skalierungsfragen: Veränderungen genauer einschätzen
Bei Skalierungsfragen ordnen die Beteiligten ihre persönliche Einschätzung beispielsweise auf einer Skala von null bis zehn ein.
Beispielfrage:
„Wenn null bedeutet, dass die Zusammenarbeit überhaupt nicht funktioniert, und zehn für Ihre gewünschte Situation steht: Wo stehen Sie heute? Was müsste geschehen, damit Sie einen Punkt weiterkommen?“
Die Zahlen sind keine objektiven Messwerte und eignen sich nicht zum Vergleich der Beteiligten. Entscheidend ist, was die jeweilige Person mit ihrer Einschätzung verbindet und welche Veränderung sie als nächsten Schritt für möglich hält.
Ressourcenfragen: Vorhandene Fähigkeiten nutzen
Ressourcenfragen richten den Blick auf Erfahrungen und Fähigkeiten, die bisher hilfreich waren.
Beispielfrage:
„Was haben Sie trotz der angespannten Situation getan, damit die Zusammenarbeit möglich geblieben ist?“
Die Antworten können zeigen, welche Stärken, Absprachen oder unterstützenden Bedingungen bereits vorhanden sind. Dabei geht es nicht darum, Schwierigkeiten schönzureden, sondern mögliche Handlungsspielräume zu erkennen.
Praxisbeispiel: Streit über die Aufgabenverteilung
Zwei Beschäftigte streiten seit Monaten über die Verteilung ihrer Aufgaben. Eine Person fühlt sich überlastet, während die andere den Eindruck hat, ständig kritisiert zu werden. Frühere Gespräche endeten damit, dass beide erneut aufzählten, was die jeweils andere Person falsch gemacht habe.
In der Mediation beschreiben sie zunächst, was sich verändern soll. Eine Person wünscht sich eine verlässlichere Aufgabenverteilung. Die andere möchte frühzeitig erfahren, wenn ihre Arbeit nicht den Erwartungen entspricht. Auf die Frage nach gelungenen Situationen erinnern sich beide an ein gemeinsames Projekt, bei dem Aufgaben schriftlich festgehalten und offene Fragen regelmäßig besprochen wurden.
Nun prüfen sie, ob sich Elemente dieser Zusammenarbeit übertragen lassen. Möglicherweise vereinbaren sie klarere Zuständigkeiten und kurze Abstimmungsgespräche. Es könnte sich allerdings auch zeigen, dass die Arbeitsmenge insgesamt zu hoch ist. Dann wären zusätzliche organisatorische Entscheidungen erforderlich. Lösungsorientierung bedeutet nicht, strukturelle Probleme allein durch bessere Kommunikation beheben zu wollen.
Wann kann lösungsorientierte Mediation sinnvoll sein?
Der Ansatz kann hilfreich sein, wenn die Beteiligten bereits ausführlich über ihren Konflikt gesprochen haben, dabei jedoch keine neuen Handlungsmöglichkeiten erkennen. Lösungsorientierte Fragen können auch dabei unterstützen, eine weitere Zusammenarbeit oder den künftigen Umgang miteinander zu gestalten. Denkbare Einsatzfelder sind Konflikte in Teams, zwischen Geschäftspartnern, innerhalb von Familien oder in der Nachbarschaft.
Entscheidend ist jedoch nicht allein das Konfliktfeld. Die Beteiligten müssen ausreichend Gelegenheit haben, ihre Interessen einzubringen und selbst über mögliche Veränderungen zu entscheiden. Der Mediator sollte deshalb prüfen, ob lösungsorientierte Fragen zur aktuellen Situation passen oder ob zunächst eine vertiefte Klärung erforderlich ist.
Wo liegen die Grenzen der lösungsorientierten Mediation?
Ein früher Wechsel zur Lösungssuche kann problematisch sein, wenn Menschen schwere Verletzungen erlebt haben oder wichtige Ereignisse noch ungeklärt sind. Wer sich zunächst Gehör für seine Erfahrungen wünscht, könnte die Frage nach einer besseren Zukunft als Aufforderung empfinden, das Geschehene hinter sich zu lassen. Deshalb darf Lösungsorientierung nicht mit dem Drängen auf eine schnelle Einigung verwechselt werden.
Auch ungeklärte Vorwürfe, erhebliche Machtunterschiede, Drohungen oder notwendige Schutzmaßnahmen können gegen ein gemeinsames Mediationsverfahren sprechen. Manchmal müssen zunächst Tatsachen geprüft, rechtliche Fragen geklärt oder organisatorische Entscheidungen getroffen werden. Der Mediator muss erkennen, wann die gewählte Methode nicht ausreicht und ein anderes Vorgehen erforderlich ist. Weitere Informationen finden Sie auf meiner Seite über die Grenzen der Mediation.
Wie unterscheidet sich der Ansatz von anderen Mediationsmodellen?
Lösungsorientierte Mediation setzt einen besonderen Schwerpunkt auf gewünschte Veränderungen, Ausnahmen vom Problem und vorhandene Ressourcen. Andere Ansätze können die Konfliktgeschichte, die Beziehung zwischen den Beteiligten oder die Klärung unterschiedlicher Interessen stärker betonen. Diese Schwerpunkte schließen sich nicht gegenseitig aus: Auch lösungsorientierte Mediation benötigt ein ausreichendes Verständnis des Konflikts, während andere Ansätze ebenfalls mögliche Lösungen entwickeln. Einen Überblick über die unterschiedlichen Konzepte finden Sie auf meiner Seite zu den Mediationsarten und Mediationsmodellen.
Häufige Fragen zur lösungsorientierten Mediation
- Müssen die Beteiligten bereits eine Lösung kennen?
Nein. Sie müssen keine fertigen Vorschläge mitbringen. Im Gespräch können sie zunächst klären, was sich verändern soll, und daraus mögliche Vereinbarungen entwickeln. - Was passiert, wenn die lösungsorientierten Fragen nicht weiterhelfen?
Dann kann der Mediator das Vorgehen anpassen. Möglicherweise müssen zunächst bestimmte Ereignisse, Interessen oder Verletzungen genauer besprochen werden. Die Methode ist kein starres Programm. - Kann eine lösungsorientierte Mediation auch ohne Einigung enden?
Ja. Die Beteiligten entscheiden selbst, ob sie eine Vereinbarung treffen möchten. Eine bestimmte Fragetechnik kann keine Einigung garantieren.
Fazit: Möglichkeiten erkennen, ohne Probleme zu übergehen
Lösungsorientierte Mediation kann helfen, festgefahrene Konfliktbeschreibungen zu verlassen und konkrete Handlungsmöglichkeiten zu entdecken. Für mich als Mediator ist dabei entscheidend, dass die Methode dem Konflikt dient und nicht umgekehrt: Manchmal ist der Blick nach vorn hilfreich, manchmal muss zunächst geklärt werden, was geschehen ist. Welche Schritte daraus entstehen, entscheiden die Beteiligten selbst.
