
Stellen Sie sich vor, Sie wachen morgen früh auf und der Konflikt, der Sie seit Wochen oder Monaten beschäftigt, wäre verschwunden. Einfach so. Sie wissen nicht, wie es passiert ist. Sie wissen nur: Irgendetwas ist anders.
Woran würden Sie es merken? Vielleicht würden Sie die Veränderung an ganz kleinen Dingen bemerken. Vielleicht würden Sie morgens nicht mehr mit diesem unguten Gefühl zur Arbeit fahren. Vielleicht könnten Sie mit Ihrem Nachbarn wieder einen Satz wechseln, ohne sofort den nächsten Streit zu erwarten. Oder Sie würden beim Gedanken an ein bevorstehendes Gespräch nicht schon vorher überlegen, wie Sie sich verteidigen müssen. Die Wunderfrage fragt deshalb nicht zuerst nach einer Lösung. Sie fragt danach, woran ein Mensch Veränderung überhaupt erkennen würde.
Das Wort klingt zunächst etwas merkwürdig für eine Mediation. Schließlich sollen Konflikte nicht durch Zauberei verschwinden. Gerade das Unmögliche an der Vorstellung hat aber einen Sinn: Für einen kurzen Moment muss niemand erklären, wie eine Veränderung zustande kommen soll. Die Frage überspringt dieses Hindernis einfach. Das kann interessant sein, wenn Menschen schon lange in einem Konflikt stecken. Auf die Frage „Wie könnte eine Lösung aussehen?“ fällt ihnen möglicherweise wenig ein. Vielleicht haben sie schon vieles versucht oder jede denkbare Lösung scheint davon abhängig zu sein, dass sich zuerst die andere Seite verändert. Die Vorstellung eines über Nacht geschehenen Wunders verlangt dagegen zunächst keinen Lösungsweg. Sie erlaubt den Gedanken: Angenommen, es wäre anders – was wäre dann eigentlich anders?
Das vermeintlich große Wunder zeigt sich in den Antworten oft in erstaunlich kleinen Dingen. Jemand würde wieder grüßen. Eine Besprechung könnte stattfinden, ohne dass anschließend noch stundenlang über einen einzigen Satz nachgedacht wird. Ein Elternteil könnte eine Nachricht des anderen lesen, ohne sofort mit Ärger zu reagieren. Damit wird aus einer zunächst fantastischen Vorstellung plötzlich etwas ziemlich Konkretes. Der Konflikt muss nicht vollständig verschwunden sein, damit sich etwas verändert. Vielleicht zeigt sich in der Antwort sogar, dass der gewünschte Zustand viel weniger spektakulär ist als die Vorstellung einer großen Konfliktlösung.
Wer beschreibt, woran das Wunder zu erkennen wäre, spricht zwangsläufig auch darüber, was im Moment fehlt. Wenn jemand sagt: „Wir könnten wieder miteinander sprechen, ohne dass jedes Wort auf die Goldwaage gelegt wird“, steckt darin mehr als eine Zukunftsfantasie. Es wird sichtbar, was die gegenwärtige Situation belastet.
Deshalb finde ich das Wort „Wunschdenken“ in diesem Zusammenhang gar nicht so schlecht. Wünsche müssen keine fertigen Lösungen sein. Sie können zunächst sichtbar machen, was jemand gern anders erleben würde: mehr Ruhe, Verlässlichkeit, Abstand, Respekt, eine klare Regelung oder vielleicht einfach die Möglichkeit, nicht ständig über den Konflikt nachdenken zu müssen.
Natürlich. Genau das ist die Ausgangsidee. Niemand behauptet, der Konflikt werde über Nacht verschwinden. Die Frage nimmt für einen Augenblick nur die Bedingungen aus dem Spiel, die jede Veränderung scheinbar unmöglich machen. Wenn jemand beispielsweise sagt, er würde das Wunder daran erkennen, dass ein Gespräch wieder möglich wäre, lässt sich genauer hinschauen: Was wäre in diesem Gespräch anders? Was würden Sie selbst anders machen? Woran würde die andere Seite die Veränderung bemerken? Solche Fragen zeigen zugleich, welche Rolle unterschiedliche Fragetechniken und die Gesprächsführung in einer Mediation spielen können. Aus einer unrealistischen Ausgangssituation können so durchaus konkrete Beobachtungen entstehen.
Nicht jeder kann mit einer solchen Frage sofort etwas anfangen. „Keine Ahnung“ ist eine vollkommen mögliche Antwort. Vielleicht wirkt die Vorstellung zu künstlich. Vielleicht ist jemand gerade so sehr mit dem Konflikt beschäftigt, dass eine Zukunft ohne ihn kaum vorstellbar ist. Oder die Frage kommt schlicht im falschen Moment.
Dann wäre es wenig hilfreich, auf einer besonders fantasievollen Antwort zu bestehen. Eine Wunderfrage ist kein Test, den ein Mediand bestehen muss. Auch sie ist zunächst nur ein Angebot, den Konflikt einmal aus einer anderen Richtung zu betrachten. Wenn dieses Angebot gerade nicht weiterhilft, braucht es eine andere Frage.
Gerade weil die Frage so offen ist, sollte der Mediator vorsichtig damit sein, die Antwort zu schnell zu deuten. Wenn jemand sagt, er wünsche sich endlich Ruhe, kann damit vieles gemeint sein. Mehr Gespräch, weniger Gespräch, eine klare Entscheidung, mehr Abstand oder etwas ganz anderes.
Interessanter als die Interpretation des Mediators ist deshalb das Nachfragen. Woran genau würden Sie diese Ruhe bemerken? Was wäre morgens anders als heute? Wer würde die Veränderung zuerst wahrnehmen? So kann aus einem allgemeinen Wunsch nach und nach eine Vorstellung entstehen, die für den Menschen selbst Bedeutung hat.
Irgendwann endet auch das schönste Gedankenexperiment. Der Konflikt ist noch da, die andere Seite hat sich nicht über Nacht verwandelt und eine Lösung muss weiterhin gemeinsam gefunden werden. Aber möglicherweise ist jetzt etwas klarer: nicht unbedingt, wie der Konflikt gelöst werden kann, sondern was sich eigentlich verändern müsste. Die Wunderfrage verspricht also kein Wunder. Sie kann aber für einen Moment die Frage beiseiteschieben, warum etwas angeblich nicht möglich ist. Manchmal reicht das, um einen Wunsch genauer zu betrachten – und aus einem Wunsch vielleicht einen ersten kleinen Gedanken darüber werden zu lassen, was sich tatsächlich verändern könnte.
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