Mediationsarten

Integrierte Mediation: Leitfaden zu Methodik, Zielen und praktischer Anwendung

Mediation wird häufig als ein Verfahren verstanden, bei dem Konfliktparteien gemeinsam mit einem Mediator nach einer einvernehmlichen Lösung suchen. Doch was geschieht, wenn ein solches Verfahren zunächst nicht möglich ist? Können mediative Denk- und Arbeitsweisen auch in anderen Situationen hilfreich sein?

Mit diesen Fragen beschäftigt sich die Integrierte Mediation. Das von Arthur Trossen geprägte Konzept betrachtet Mediation nicht ausschließlich als eigenständiges Verfahren, sondern auch als einen übergreifenden Erkenntnisprozess. Es untersucht, wie Menschen ihren Konflikt verstehen und wie sich mediative Denk- und Arbeitsweisen in andere Formen der Konfliktbearbeitung einbinden lassen.

 

Was ist Integrierte Mediation?

Die Integrierte Mediation ist ein Konzept der Konfliktbearbeitung, das auf der Kognitiven Mediationstheorie von Arthur Trossen beruht. Im Mittelpunkt steht die Vorstellung, dass die Beteiligten ihren Konflikt durch einen strukturierten Erkenntnisprozess besser verstehen und auf dieser Grundlage selbst Lösungen entwickeln können. Die dabei eingesetzten Denk- und Arbeitsweisen sollen sich nach dem Konzept auch in andere Verfahren und Dienstleistungen einbinden lassen.

Dabei ist eine wichtige Unterscheidung erforderlich: Nicht jedes Gespräch, in dem mediative Methoden verwendet werden, ist automatisch eine Mediation im Sinne des Mediationsgesetzes. Werden solche Methoden beispielsweise in einer Beratung eingesetzt, müssen die jeweilige Rolle und der rechtliche Rahmen für die Beteiligten erkennbar bleiben.

 

Die Kognitive Mediationstheorie: Verstehen vor Lösungen

Die Kognitive Mediationstheorie bildet die theoretische Grundlage der Integrierten Mediation. Sie beschreibt, welche gedanklichen Schritte nach Trossens Modell erforderlich sind, damit Menschen ihren Konflikt verstehen und neue Handlungsmöglichkeiten erkennen können. Der Mediator soll diesen Erkenntnisprozess unterstützen, anstatt selbst nach der vermeintlich richtigen Lösung zu suchen.

In einem Konflikt konzentrieren sich die Beteiligten häufig auf ihre Positionen: Sie erklären, weshalb sie recht haben, was sie fordern oder warum die andere Seite falsch handelt. Die dahinterliegenden Motive und Erwartungen bleiben dabei möglicherweise unberücksichtigt. Der kognitive Ansatz richtet den Blick deshalb zunächst auf das Verstehen der unterschiedlichen Sichtweisen. Verstehen bedeutet nicht, einer anderen Position zustimmen zu müssen. Es kann jedoch helfen, den Konflikt nicht länger ausschließlich aus der eigenen Perspektive zu betrachten. Wie wichtig dabei die Unterscheidung zwischen dem Nachvollziehen einer Sichtweise und der Zustimmung zu ihr ist, erläutere ich in meinem Blogbeitrag „Verstehen ist nicht gleich Verständnis“.

Die Theorie ist ein Erklärungsmodell für die Wirkungsweise der Mediation. Ihre Annahmen sind nicht mit einem unabhängigen empirischen Nachweis gleichzusetzen, dass die Integrierte Mediation anderen Ansätzen überlegen ist.

 

Das Fünf-Phasen-Modell der Integrierten Mediation

Die Integrierte Mediation orientiert sich an einem Fünf-Phasen-Modell. Die Phasen sollen den gedanklichen Weg von der Auseinandersetzung über das Verstehen bis zur Entwicklung einer möglichen Lösung strukturieren. Das Modell unterscheidet Arbeitsbündnis, Themenfestlegung, Nutzenerhellung, Optionensuche und Manifestation.

Phase 1: Arbeitsbündnis

Zu Beginn schaffen die Beteiligten einen gemeinsamen Rahmen. Sie klären ihre Erwartungen, verständigen sich über das Ziel und vereinbaren Regeln für die Zusammenarbeit. Damit soll eine Grundlage entstehen, auf der sie sich trotz ihres Konflikts mit einem gemeinsamen Vorgehen befassen können.

Phase 2: Themenfestlegung

Die unterschiedlichen Positionen und Streitpunkte werden sichtbar gemacht und in bearbeitbare Themen überführt. Dabei geht es zunächst darum, den Widerspruch zu erkennen und die Fragen zu bestimmen, mit denen sich die Beteiligten auseinandersetzen möchten. Die Suche nach konkreten Lösungen steht noch nicht im Vordergrund.

Phase 3: Nutzenerhellung

Jetzt richtet sich der Blick auf die Bedeutung hinter den Positionen. Welche Motive bewegen die Beteiligten? Was ist ihnen wichtig und welchen Nutzen erwarten sie von einer möglichen Lösung? Aus diesen Erkenntnissen werden Kriterien entwickelt, anhand derer sich spätere Lösungsvorschläge prüfen lassen.

Phase 4: Optionensuche

Auf der Grundlage der erarbeiteten Motive und Kriterien entwickeln die Beteiligten unterschiedliche Lösungsmöglichkeiten. Anschließend prüfen sie, welche Optionen ihren Erwartungen entsprechen und welche Alternativen bestehen. Die Lösungssuche folgt damit auf das Verstehen des Konflikts und seiner Hintergründe.

Phase 5: Manifestation

Eine gefundene Lösung wird konkretisiert und gegebenenfalls in einer Vereinbarung festgehalten. Dabei prüfen die Beteiligten, ob sie die Vereinbarung umsetzen können und welche Bedingungen dafür erforderlich sind. Auch die Frage, wie tragfähig die Lösung im Alltag sein könnte, gehört zu diesem Schritt.

Die fünf Phasen bieten Orientierung, garantieren aber keine Einigung. Entscheidend bleibt, ob die Beteiligten die notwendigen Erkenntnisse gewinnen und eigenverantwortlich entscheiden können. Eine allgemeine Darstellung finden Sie auch auf meiner Seite zu den Phasen der Mediation.

 

Was unterscheidet Integrierte Mediation von anderen Ansätzen?

Die Besonderheit liegt vor allem im theoretischen Verständnis. Die Integrierte Mediation versucht, die Wirkungsweise der Mediation anhand kognitiver Prozesse zu erklären und die einzelnen Verfahrenselemente in einen übergreifenden Zusammenhang zu bringen. Dadurch sollen mediative Denk- und Arbeitsweisen auch außerhalb eines eigenständigen Mediationsverfahrens nutzbar werden.

Andere Mediationsansätze setzen unterschiedliche Schwerpunkte, beispielsweise bei der Unterstützung der Kommunikation, der gegenseitigen Anerkennung oder der Entwicklung von Lösungsmöglichkeiten. Daraus folgt nicht, dass sie weniger strukturiert oder grundsätzlich weniger geeignet wären. Die Unterschiede betreffen zunächst das theoretische Verständnis und die methodische Ausgestaltung.

Auch von anderen Mediationsmethoden und -ansätzen ist das Konzept zu unterscheiden. Die Integration mediativer Denkweisen ist nicht dasselbe wie die Kombination verschiedener eigenständiger Konfliktlösungsverfahren.

 

Welche Rolle übernimmt der Mediator?

Innerhalb eines Mediationsverfahrens bleibt die Verantwortung für die Lösung bei den Beteiligten. Der Mediator strukturiert das Verfahren, unterstützt die Kommunikation und hilft dabei, unterschiedliche Sichtweisen und Motive sichtbar zu machen. Die Integrierte Mediation legt dabei besonderes Gewicht auf die Gestaltung des Erkenntnisprozesses: Der Mediator soll erkennen, welche gedanklichen Schritte den Beteiligten helfen können, ihren Konflikt besser zu verstehen.

Werden mediative Methoden außerhalb eines Mediationsverfahrens eingesetzt, müssen die Rollen klar bleiben. Eine Beratung wird nicht allein dadurch zur Mediation, dass mediative Gesprächstechniken verwendet werden. Ebenso darf die Einbindung solcher Methoden nicht darüber hinwegtäuschen, wenn eine Person in einem anderen Verfahren Entscheidungsbefugnisse besitzt.

 

Anwendungsbereiche und Möglichkeiten

Die Integrierte Mediation beschäftigt sich mit der Anwendung mediativer Denk- und Arbeitsweisen in unterschiedlichen Konfliktsituationen. Dazu können familiäre Auseinandersetzungen, Konflikte in Unternehmen, Streitigkeiten zwischen Geschäftspartnern oder Konflikte bei gemeinsamen Projekten gehören. Der Ansatz betrachtet außerdem Situationen, in denen ein eigenständiges Mediationsverfahren zunächst nicht zustande kommt oder ein Konflikt bereits in einem anderen Verfahren bearbeitet wird.

Sein konzeptioneller Nutzen liegt darin, Wahrnehmung, Kommunikation, Motive und Lösungsentwicklung miteinander in Beziehung zu setzen. Wer einen Konflikt nicht ausschließlich anhand gegensätzlicher Forderungen betrachtet, kann möglicherweise weitere Handlungsmöglichkeiten erkennen. Ob die Integrierte Mediation dadurch tatsächlich bessere, schnellere oder kostengünstigere Ergebnisse erzielt als andere Ansätze, lässt sich aus dem theoretischen Modell allein jedoch nicht ableiten.

 

Wo liegen die Grenzen der Integrierten Mediation?

Auch ein umfassendes Konzept kann die Voraussetzungen einer Mediation nicht ersetzen. Wenn die Freiwilligkeit fraglich ist, Beteiligte ihre Interessen nicht eigenverantwortlich vertreten können oder eine konkrete Gefährdung besteht, muss sorgfältig geprüft werden, ob und unter welchen Bedingungen eine Mediation verantwortbar ist. Erhebliche Machtunterschiede schließen eine Mediation nicht automatisch aus, können aber besondere Schutzmaßnahmen erforderlich machen oder ihr entgegenstehen.

Die Einbindung psychologischer Erkenntnisse ersetzt keine psychotherapeutische Behandlung. Ebenso wenig können mediative Methoden eine erforderliche Rechtsberatung oder eine verbindliche gerichtliche Entscheidung ersetzen. Ein theoretisches Modell liefert außerdem noch keinen Nachweis dafür, dass der Ansatz anderen Verfahren überlegen ist. Entscheidend bleibt die Eignung für den konkreten Konflikt. Mehr dazu erfahren Sie auf meiner Seite über die Grenzen der Mediation.

 

Häufige Fragen zur Integrierten Mediation

Was ist Integrierte Mediation?
Sie ist ein auf der Kognitiven Mediationstheorie beruhendes Konzept der Konfliktbearbeitung. Es betrachtet Mediation als Erkenntnisprozess und beschäftigt sich damit, wie mediative Denk- und Arbeitsweisen auch in anderen Zusammenhängen genutzt werden können.

Was ist die Kognitive Mediationstheorie?
Sie ist ein von Arthur Trossen entwickeltes Erklärungsmodell. Es beschreibt, wie gedankliche Prozesse nach diesem Ansatz zur Verständigung und eigenverantwortlichen Lösungsfindung beitragen sollen.

Welche fünf Phasen gibt es?
Das Modell unterscheidet Arbeitsbündnis, Themenfestlegung, Nutzenerhellung, Optionensuche und Manifestation.

Kann der Ansatz auch außerhalb einer Mediation eingesetzt werden?
Das Konzept sieht vor, mediative Denk- und Arbeitsweisen in andere Verfahren und Dienstleistungen einzubinden. Dadurch entsteht jedoch nicht automatisch ein Mediationsverfahren im rechtlichen Sinne.

 

Quelle und weiterführende Informationen

Die Darstellung des Konzepts und seiner theoretischen Grundlagen orientiert sich an den Veröffentlichungen von Arthur Trossen und des Vereins Integrierte Mediation e. V. Eine ausführliche Erläuterung bietet Trossens Beitrag „Die kognitive Mediationstheorie“. Die Einordnung der Möglichkeiten und Grenzen erfolgt aus meiner eigenen Perspektive als Mediator.

 

Fazit: Verstehen als Grundlage der Konfliktbearbeitung

Die Integrierte Mediation betrachtet Mediation als einen strukturierten Erkenntnisprozess, dessen Denk- und Arbeitsweisen auch außerhalb eines eigenständigen Mediationsverfahrens genutzt werden können. Ihre Grundlage ist die Kognitive Mediationstheorie von Arthur Trossen, die den Zusammenhang zwischen Wahrnehmung, Verstehen und Lösungsentwicklung beschreibt.

Für mich bleibt dabei entscheidend, dass die Beteiligten ihre Entscheidungen selbst treffen können. Nicht die möglichst umfassende Anwendung eines Konzepts macht eine Konfliktbearbeitung sinnvoll, sondern die Frage, ob sie den Menschen hilft, ihren Konflikt besser zu verstehen und eigenverantwortlich einen Weg im Umgang damit zu finden.

© 2026 Frank Hartung Ihr Mediator bei Konflikten in Familie, Erbschaft, Beruf, Wirtschaft und Schule

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