Zwei Menschen erleben denselben Konflikt und erzählen dennoch unterschiedliche Geschichten darüber. Was für die eine Person eine notwendige Entscheidung war, erscheint der anderen als bewusste Zurückweisung. Mit der Zeit können sich solche Deutungen verfestigen: Die Beteiligten sehen im Verhalten des Gegenübers vor allem noch das, was ihre bisherige Sichtweise bestätigt.
Die narrative Mediation setzt genau hier an. Sie untersucht, wie Menschen über ihren Konflikt sprechen, welche Bedeutungen sie bestimmten Ereignissen geben und welche Möglichkeiten durch ihre bisherigen Erzählungen möglicherweise aus dem Blick geraten sind. Ziel ist nicht, eine vermeintlich richtige Geschichte zu finden. Vielmehr werden die Beteiligten dabei unterstützt, ihre bisherigen Deutungen zu hinterfragen und neue Sichtweisen sowie Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln.
Was ist narrative Mediation?
Narrative Mediation ist ein Ansatz der Konfliktbearbeitung, bei dem die Geschichten und Deutungen der Beteiligten im Mittelpunkt stehen. Menschen beschreiben Ereignisse nicht wie eine Kamera. Sie wählen bestimmte Erfahrungen aus, ordnen sie ein und verbinden sie mit Erwartungen, Gefühlen und bisherigen Erlebnissen. So entstehen persönliche Erzählungen darüber, was geschehen ist, wer Verantwortung trägt und welche Veränderungen möglich erscheinen.
Im Konflikt können solche Erzählungen zunehmend einseitig werden. Aus einzelnen Erfahrungen entsteht beispielsweise die Überzeugung, die andere Person nehme grundsätzlich keine Rücksicht. Andere Erlebnisse, die nicht zu dieser Sichtweise passen, geraten möglicherweise in den Hintergrund. Die narrative Mediation macht diese Zusammenhänge zum Gegenstand des Gesprächs, ohne den Beteiligten ihre Wahrnehmungen abzusprechen.
Der Ansatz ist insbesondere mit der Arbeit von John Winslade und Gerald Monk verbunden. Er greift unter anderem Gedanken des sozialen Konstruktionismus und der narrativen Therapie auf. Dabei wird untersucht, wie Sprache, Beziehungen und gesellschaftliche Vorstellungen beeinflussen, welche Bedeutung Menschen einem Konflikt geben.
Wie entstehen festgefahrene Konfliktgeschichten?
Ein Konflikt besteht selten nur aus einer einzelnen Meinungsverschiedenheit. Häufig verbinden die Beteiligten mehrere Erfahrungen miteinander und entwickeln daraus eine übergreifende Erklärung. Eine Person sagt beispielsweise: „Auf meine Meinung wird hier nie Rücksicht genommen.“ Die andere beschreibt dieselbe Zusammenarbeit mit den Worten: „Egal, was ich mache, es wird immer kritisiert.“
Beide Aussagen können auf belastenden Erfahrungen beruhen. Zugleich enthalten sie Verallgemeinerungen, die andere Beobachtungen ausblenden können. Wenn die Beteiligten ihr Gegenüber nur noch durch diese Erzählung betrachten, werden neue Ereignisse möglicherweise entsprechend eingeordnet. Selbst ein gut gemeinter Vorschlag kann dann als weiterer Beleg für das vermeintlich typische Verhalten der anderen Person erscheinen.
Die narrative Mediation fragt deshalb nicht ausschließlich, was geschehen ist. Sie untersucht auch, wie die Beteiligten zu ihrer jeweiligen Deutung gekommen sind, welche Auswirkungen diese hat und ob es Erfahrungen gibt, die eine andere Sicht auf den Konflikt ermöglichen. Welche Bedeutung ein solcher Blickwechsel haben kann, erläutere ich im Beitrag Wie Mediation Sichtweisen öffnet.
Welche Ziele verfolgt die narrative Mediation?
Narrative Mediation soll den Beteiligten helfen, Abstand zu festgefahrenen Konfliktgeschichten zu gewinnen. Statt sich gegenseitig ausschließlich als Verursacher des Problems zu betrachten, können sie untersuchen, wie der Konflikt entstanden ist, wodurch er aufrechterhalten wird und welche anderen Formen des Umgangs miteinander denkbar sind. Dabei geht es nicht darum, belastende Erfahrungen umzudeuten oder Verantwortung zu verwischen. Unterschiedliche Wahrnehmungen dürfen bestehen bleiben.
Ein weiteres Ziel besteht darin, bislang wenig beachtete Erfahrungen sichtbar zu machen. Vielleicht gab es trotz des Konflikts Situationen, in denen Zusammenarbeit möglich war, Rücksicht genommen wurde oder ein Gespräch gelang. Solche Erfahrungen können Ansatzpunkte für neue Handlungsmöglichkeiten bieten. Eine vollständige Einigung oder Wiederherstellung der Beziehung lässt sich daraus jedoch nicht garantieren.
Wie läuft eine narrative Mediation ab?
Auch eine narrative Mediation beginnt mit der Klärung des Auftrags und der Rahmenbedingungen. Die Beteiligten besprechen, welche Themen bearbeitet werden sollen, welche Erwartungen sie an das Verfahren haben und wie mit vertraulichen Informationen umgegangen wird. Anschließend erhalten sie Gelegenheit, ihre Sichtweisen darzustellen.
Im weiteren Verlauf untersucht der Mediator gemeinsam mit den Beteiligten die Konfliktgeschichten. Welche Ereignisse werden besonders hervorgehoben? Welche Annahmen über die andere Person sind daraus entstanden? Wie beeinflussen diese Vorstellungen das gegenwärtige Verhalten? Durch gezielte Fragen können bisherige Gewissheiten überprüft und wenig beachtete Erfahrungen sichtbar werden.
Darauf aufbauend können die Beteiligten alternative Beschreibungen ihrer Situation entwickeln. Sie überlegen beispielsweise, welche Art der Zusammenarbeit sie künftig anstreben und welches Verhalten dazu beitragen könnte. Wenn Vereinbarungen entstehen, werden diese möglichst konkret formuliert. Der Ablauf ist dabei kein starres Drei-Phasen-Schema. Je nach Konflikt können einzelne Schritte ineinandergreifen oder wiederholt werden.
Welche Methoden werden in der narrativen Mediation eingesetzt?
Die narrative Mediation arbeitet insbesondere mit Fragen, die vertraute Konfliktdeutungen untersuchen und neue Perspektiven ermöglichen. Drei methodische Elemente sind dabei besonders wichtig.
Dekonstruktion: Bisherige Gewissheiten hinterfragen
Bei der Dekonstruktion werden Annahmen und Bedeutungen innerhalb einer Konfliktgeschichte genauer betrachtet. Wenn jemand sagt: „Mein Kollege respektiert mich nicht“, kann der Mediator beispielsweise fragen, an welchen Situationen diese Einschätzung festgemacht wird, welche Bedeutung die Person dem Verhalten gibt und ob es auch andere Erfahrungen gibt.
Es geht nicht darum, die Aussage als falsch zu entlarven. Vielmehr soll sichtbar werden, wie eine bestimmte Deutung entstanden ist und welche weiteren Beschreibungen möglich sein könnten.
Externalisierung: Die Person vom Problem unterscheiden
Bei der Externalisierung wird das Problem sprachlich von den beteiligten Personen getrennt. Statt einen Menschen als grundsätzlich rücksichtslos oder schwierig zu beschreiben, kann beispielsweise untersucht werden, wie gegenseitiges Misstrauen die Zusammenarbeit beeinflusst. Der Mediator könnte fragen: „Wann ist das Misstrauen besonders stark?“ oder „Was verändert sich zwischen Ihnen, wenn das Misstrauen weniger Raum einnimmt?“
Dadurch wird das Problem zu etwas, dessen Auswirkungen gemeinsam betrachtet werden können. Persönliche Verantwortung für konkretes Verhalten bleibt dabei bestehen.
Alternative Geschichten: Andere Erfahrungen sichtbar machen
Nicht jede Erfahrung passt zur vorherrschenden Konfliktgeschichte. Vielleicht gab es einen Moment, in dem die Beteiligten einander unterstützt oder ein Problem gemeinsam bewältigt haben. Solche Ausnahmen können Hinweise darauf geben, welche Fähigkeiten, Werte oder Formen der Zusammenarbeit bereits vorhanden sind.
Aus diesen Erfahrungen können die Beteiligten eine andere Beschreibung ihrer Beziehung oder Zusammenarbeit entwickeln. Das bedeutet nicht, dass die bisherige Konfliktgeschichte einfach durch eine positive Erzählung ersetzt wird. Neue Sichtweisen müssen für die Beteiligten nachvollziehbar sein und mit ihren tatsächlichen Erfahrungen vereinbar bleiben.
Praxisbeispiel: Zwei unterschiedliche Geschichten über denselben Konflikt
Zwei Beschäftigte arbeiten seit mehreren Jahren zusammen. Seit einiger Zeit kommt es regelmäßig zu Spannungen. Eine Person beschreibt die Situation so: „Ich werde ständig übergangen.“ Die andere sagt: „Meine Entscheidungen werden grundsätzlich infrage gestellt.“ Beide ziehen sich zunehmend zurück und sprechen nur noch über das Nötigste miteinander.
In der narrativen Mediation werden zunächst beide Sichtweisen ernst genommen. Anschließend untersucht der Mediator, welche Erfahrungen hinter den Aussagen stehen. Dabei zeigt sich, dass eine Entscheidung unter Zeitdruck getroffen wurde, ohne die andere Person einzubeziehen. Diese erlebte das als mangelnde Wertschätzung. Die Person, die die Entscheidung getroffen hatte, empfand die anschließende Kritik wiederum als persönlichen Angriff.
Im Gespräch wird deutlich, wie aus diesem Ereignis wechselseitige Erwartungen entstanden sind. Zugleich erinnern sich beide an frühere Situationen, in denen sie unter Zeitdruck gut zusammengearbeitet haben. Sie entwickeln daraufhin eine andere Beschreibung ihres Konflikts: Nicht grundsätzlich fehlender Respekt, sondern unterschiedliche Erwartungen an Abstimmung und Entscheidungsspielräume haben wesentlich zu den Spannungen beigetragen.
Die Beteiligten vereinbaren, künftig zwischen dringenden Entscheidungen und solchen mit Abstimmungsbedarf zu unterscheiden. Das Beispiel zeigt, wie veränderte Sichtweisen konkrete Handlungsmöglichkeiten eröffnen können. Es handelt sich um ein veranschaulichendes Beispiel, nicht um einen dokumentierten Praxisfall. Wie festgefahrene Gespräche wieder in Bewegung kommen können, beschreibt ergänzend mein Beitrag über Mediation bei Kommunikationsblockaden.
Wann kann narrative Mediation sinnvoll sein?
Narrative Mediation kann besonders dann hilfreich sein, wenn sich die Beteiligten in festen Zuschreibungen und gegenseitigen Vorwürfen verfangen haben. Das kann beispielsweise bei Konflikten am Arbeitsplatz, innerhalb von Familien, in Nachbarschaften oder zwischen Mitgliedern einer Organisation der Fall sein.
Der Ansatz kann auch bei Konflikten eingesetzt werden, in denen neben persönlichen Verletzungen sachliche oder finanzielle Fragen eine Rolle spielen. Entscheidend ist nicht, ob die Beteiligten dauerhaft miteinander verbunden bleiben müssen. Wichtiger ist, ob die Auseinandersetzung mit ihren unterschiedlichen Deutungen zur Klärung des Konflikts beitragen kann.
Nicht jeder Konflikt erfordert eine ausführliche Arbeit an persönlichen Geschichten. Wenn die Beteiligten beispielsweise ausschließlich eine klar umrissene organisatorische Frage klären möchten, kann ein stärker auf die konkrete Entscheidung ausgerichtetes Vorgehen angemessener sein. Die Auswahl der Methoden sollte sich am Auftrag und an den Bedürfnissen der Beteiligten orientieren.
Welche Rolle übernimmt der Mediator?
Der Mediator gestaltet den Gesprächsprozess und unterstützt die Beteiligten dabei, ihre Konfliktgeschichten zu untersuchen. Er hört aufmerksam zu, stellt Fragen, macht unterschiedliche Bedeutungen sichtbar und hilft, vorschnelle Festlegungen zu hinterfragen. Dabei darf er nicht selbst bestimmen, welche Geschichte künftig gelten soll. Auch alternative Deutungen werden nicht vorgegeben. Die Beteiligten entscheiden eigenverantwortlich, welche Sichtweisen für sie nachvollziehbar sind und welche Vereinbarungen sie treffen möchten. Weitere Gesprächswerkzeuge erläutere ich im Beitrag über Kommunikationstechniken in der Mediation.
Allparteilichkeit bedeutet dabei nicht, Machtunterschiede, Drohungen oder persönliche Abwertungen zu ignorieren. Der Mediator muss die Rahmenbedingungen des Gesprächs im Blick behalten und prüfen, ob alle Beteiligten ihre Sichtweisen unter angemessenen Bedingungen einbringen können.
Wie unterscheidet sich narrative Mediation von anderen Mediationsansätzen?
Die narrative Mediation richtet ihre Aufmerksamkeit besonders darauf, wie Konflikte durch Sprache, Deutungen und wiederkehrende Erzählungen geprägt werden. Andere Ansätze setzen teilweise andere Schwerpunkte. Lösungsorientierte Ansätze richten den Blick beispielsweise verstärkt auf erwünschte Veränderungen, vorhandene Ressourcen und konkrete nächste Schritte. In der transformativen Mediation erhalten die Selbstbestimmung der Beteiligten und ihre wechselseitige Anerkennung besondere Bedeutung.
Diese Unterschiede sind jedoch keine starren Grenzen. Auch die narrative Mediation arbeitet mit Ausnahmen, Ressourcen und neuen Handlungsmöglichkeiten. Ihr besonderes Merkmal liegt darin, dass sie untersucht, wie Konfliktgeschichten durch Sprache und soziale Zusammenhänge entstehen und wie alternative Erzählungen entwickelt werden können. Die Ansätze unterscheiden sich somit vor allem in ihren theoretischen Grundlagen und methodischen Schwerpunkten. Einzelne Gesprächstechniken können sich überschneiden.
Welche Grenzen hat narrative Mediation?
Die Beschäftigung mit persönlichen Konfliktgeschichten kann belastende Erfahrungen und starke Gefühle berühren. Deshalb muss der Mediator sorgfältig prüfen, ob die Beteiligten unter den gegebenen Bedingungen ausreichend sicher und gesprächsfähig sind. Bei Drohungen, erheblichen Machtungleichgewichten oder anderen Sicherheitsrisiken können Schutzmaßnahmen oder ein anderes Vorgehen erforderlich sein.
Auch darf die Suche nach alternativen Erzählungen nicht dazu führen, konkrete Grenzverletzungen oder bestehende Verantwortlichkeiten zu relativieren. Wer beispielsweise eine Benachteiligung erlebt hat, muss sich nicht auf eine freundlichere Beschreibung des Geschehens einlassen. Die Perspektiven der Beteiligten zu untersuchen bedeutet nicht, jede Darstellung ungeprüft gleichzusetzen.
Darüber hinaus kann narrative Mediation keine notwendigen rechtlichen oder organisatorischen Entscheidungen ersetzen. Wenn Ressourcen fehlen, Zuständigkeiten unklar sind oder verbindliche Entscheidungen getroffen werden müssen, sind diese Fragen gesondert zu bearbeiten. Weitere Informationen zur Eignung eines Mediationsverfahrens finden Sie auf meiner Seite über die Grenzen der Mediation.
Welche rechtlichen Grundlagen gelten?
Für die narrative Mediation gelten die allgemeinen rechtlichen Grundlagen der Mediation. Sie ist keine eigenständig gesetzlich geregelte Verfahrensart. Informationen zum Mediationsgesetz, zur Verschwiegenheit und zu weiteren rechtlichen Fragen finden Sie in meinem Themenbereich Recht in der Mediation.
Häufige Fragen zur narrativen Mediation
- Müssen sich die Beteiligten auf eine gemeinsame Geschichte einigen?
Nein. Die Beteiligten können unterschiedliche Erinnerungen und Bewertungen behalten. Entscheidend ist, ob sie ihre bisherigen Sichtweisen erweitern und daraus neue Möglichkeiten für den Umgang mit dem Konflikt entwickeln können. - Werden in der narrativen Mediation nur persönliche Gefühle besprochen?
Nein. Gefühle und persönliche Bedeutungen können wichtig sein, doch auch sachliche, organisatorische und finanzielle Fragen lassen sich bearbeiten. Welche Themen im Mittelpunkt stehen, hängt vom jeweiligen Konflikt und dem Auftrag ab. - Wie lange dauert eine narrative Mediation?
Eine feste Dauer gibt es nicht. Umfang und Anzahl der Gespräche hängen unter anderem von den Konfliktthemen, den Bedürfnissen der Beteiligten und den vereinbarten Zielen ab. - Kann narrative Mediation mit anderen Methoden kombiniert werden?
Ja. Narrative Fragen können mit anderen mediativen Gesprächstechniken verbunden werden. Wichtig ist, dass die eingesetzten Methoden zum Auftrag passen und die Eigenverantwortlichkeit der Beteiligten gewahrt bleibt. - Was geschieht, wenn keine neue Sichtweise entsteht?
Eine Veränderung der Konfliktgeschichte lässt sich nicht erzwingen. Auch ohne eine neue gemeinsame Perspektive können einzelne Themen geklärt oder weitere Schritte vereinbart werden. Gegebenenfalls ist ein anderes Vorgehen sinnvoll.
Fazit: Konflikte aus einer anderen Perspektive betrachten
Narrative Mediation eröffnet die Möglichkeit, festgefahrene Konfliktgeschichten zu untersuchen und bisher wenig beachtete Sichtweisen sichtbar zu machen. Sie ersetzt weder die Klärung konkreter Sachfragen noch die Verantwortung für eigenes Verhalten. Ihr besonderer Beitrag liegt darin, dass Menschen ihre bisherigen Deutungen hinterfragen können, ohne ihre Erfahrungen verleugnen zu müssen. Daraus können neue Handlungsmöglichkeiten entstehen – auch dann, wenn nicht alle Beteiligten dieselbe Geschichte über den Konflikt erzählen.
