Mediationsarten

Mediationsarten und Mediationsmodelle im Überblick

Mediation folgt bestimmten Grundprinzipien. Trotzdem verläuft nicht jede Mediation gleich. Ein Konflikt zwischen Geschäftspartnern stellt andere Anforderungen als ein jahrelanger Streit innerhalb einer Familie. Manchmal geht es vor allem um unterschiedliche Interessen und konkrete Sachfragen. In anderen Konflikten haben Enttäuschungen, Verletzungen oder festgefahrene Vorstellungen das Gespräch so stark verändert, dass zunächst wieder gegenseitiges Verstehen möglich werden muss.

Deshalb gibt es unterschiedliche Ansätze der Mediation. Sie setzen verschiedene Schwerpunkte und bieten dem Mediator Möglichkeiten, den Prozess an den jeweiligen Konflikt und die beteiligten Menschen anzupassen. Entscheidend ist dabei weniger, wie ein Modell heißt. Entscheidend ist, was die Beteiligten in ihrer konkreten Situation brauchen.

Mediationsarten – unterschiedliche Wege zur Konfliktlösung

Wie der passende Ansatz entsteht

Bevor nach Lösungen gesucht werden kann, ist zunächst wichtig zu verstehen, was den Konflikt ausmacht. Dabei geht es nicht nur darum, worüber gestritten wird. Ebenso wichtig ist, wie weit sich der Konflikt bereits entwickelt hat. Können die Beteiligten noch miteinander sprechen und einander zuhören? Geht es hauptsächlich um unterschiedliche Interessen oder inzwischen auch um die Beziehung? Welche Rolle spielen Enttäuschung, Angst oder Wut? Und können beide Seiten ihre Interessen gleichermaßen in das Gespräch einbringen?

Genau hier setzt das Streitkontinuum an. Es betrachtet einen Konflikt nicht als unveränderlichen Zustand, sondern als eine Entwicklung. Aus unterschiedlichen Vorstellungen können Spannungen entstehen, daraus offene Auseinandersetzungen und schließlich Konflikte, bei denen die ursprüngliche Sachfrage immer stärker in den Hintergrund tritt. Je nachdem, wo die Beteiligten in dieser Entwicklung stehen, kann eine andere Form der Gesprächsführung sinnvoll sein. Manche Konflikte brauchen vor allem Struktur und einen klaren Blick auf die Interessen. Bei anderen muss zunächst verstanden werden, was zwischen den Beteiligten geschehen ist und warum ein direktes Gespräch inzwischen so schwierig geworden ist.

 

Unterschiedliche Ansätze der Mediation

Die verschiedenen Mediationsmodelle setzen deshalb unterschiedliche Schwerpunkte. Bei manchen hält sich der Mediator mit eigenen Einschätzungen bewusst zurück, bei anderen übernimmt er eine aktivere Rolle. Einige Ansätze richten den Blick stärker auf eine konkrete Lösung, andere auf Beziehungen, Wahrnehmungen oder wiederkehrende Konfliktmuster.

Facilitative Mediation – die Beteiligten entwickeln ihre Lösung selbst

Bei der facilitativen Mediation steht die Eigenverantwortung der Beteiligten besonders deutlich im Mittelpunkt. Der Mediator strukturiert das Gespräch und hilft dabei, die Interessen und Bedürfnisse sichtbar zu machen, die hinter unterschiedlichen Positionen stehen. Eigene Lösungsvorschläge gibt er nicht vor. Die Beteiligten entwickeln und prüfen ihre Lösungen selbst. Aufgabe des Mediators ist es vor allem, einen Rahmen zu schaffen, in dem unterschiedliche Sichtweisen ausgesprochen, gehört und besser verstanden werden können.

Evaluative Mediation – wenn Bewertungen eine stärkere Rolle spielen

Eine andere Rolle nimmt der Mediator bei der evaluativen Mediation ein. Hier kann er Argumente und mögliche Ergebnisse stärker hinterfragen, auf Schwächen aufmerksam machen und Einschätzungen oder Empfehlungen einbringen. Rechtliche oder andere fachliche Rahmenbedingungen können dabei eine größere Bedeutung bekommen. Der Mediator nimmt damit mehr Einfluss auf die inhaltliche Auseinandersetzung als bei der facilitativen Mediation. Die Entscheidung darüber, welche Lösung angenommen wird, bleibt dennoch bei den Beteiligten.

Lösungsorientierte Mediation – den Blick nach vorn richten

Nicht bei jedem Konflikt muss zuerst ausführlich geklärt werden, wie er entstanden ist. Die lösungsorientierte Mediation richtet den Blick deshalb vergleichsweise früh auf die Frage: Was soll künftig anders sein? Die Beteiligten entwickeln eigene Vorstellungen davon, wie eine tragfähige Lösung aussehen könnte. Dabei kann auch hilfreich sein zu betrachten, was trotz des Konflikts noch funktioniert und woran angeknüpft werden kann. Die Vergangenheit wird nicht ausgeblendet, steht aber weniger im Mittelpunkt als die Möglichkeiten für die Zukunft.

Narrative Mediation – wenn unterschiedliche Geschichten aufeinandertreffen

Menschen erleben einen Konflikt nicht wie eine Kamera, die ein Geschehen objektiv aufzeichnet. Sie nehmen Situationen unterschiedlich wahr, erinnern sich an andere Einzelheiten und geben dem Verhalten der anderen Seite eine eigene Bedeutung. So können zwei sehr unterschiedliche Geschichten darüber entstehen, was geschehen ist und wer für den Konflikt verantwortlich ist. Genau dort setzt die narrative Mediation an. Sie versucht nicht, eine dieser Geschichten zur einzig richtigen zu erklären. Vielmehr geht es darum zu erkennen, wie die jeweilige Sicht auf den Konflikt entstanden ist und ob neben der bisherigen Konfliktgeschichte auch andere Perspektiven möglich werden.

Systemische Mediation – den größeren Zusammenhang betrachten

Manche Konflikte lassen sich nur schwer verstehen, wenn ausschließlich auf den aktuellen Anlass geschaut wird. Menschen bewegen sich in Familien, Teams, Unternehmen und anderen sozialen Zusammenhängen. Rollen, Erwartungen, Abhängigkeiten und eingeübte Kommunikationsmuster können dazu beitragen, dass ähnliche Konflikte immer wieder entstehen. Die systemische Mediation nimmt deshalb auch diesen größeren Zusammenhang in den Blick. Statt nur den aktuellen Streit zu bearbeiten, kann sie sichtbar machen, welche Muster ihn begünstigen und an welchen Stellen Veränderungen neue Handlungsmöglichkeiten eröffnen könnten.

Transformative Mediation – den Umgang miteinander verändern

In einem festgefahrenen Konflikt verändert sich häufig nicht nur die Kommunikation. Menschen können sich zunehmend machtlos fühlen, während gleichzeitig die Bereitschaft abnimmt, die Perspektive der anderen Seite überhaupt noch wahrzunehmen. Die transformative Mediation setzt hier an. Sie unterstützt die Beteiligten dabei, wieder eigene Handlungsmöglichkeiten zu erkennen und zugleich die Sicht des anderen besser wahrnehmen zu können. Eine konkrete Vereinbarung kann daraus entstehen. Im Mittelpunkt steht aber ebenso die Veränderung im Umgang miteinander.

Integrierte Mediation – unterschiedliche Ansätze miteinander verbinden

In der Praxis halten sich Konflikte selten an die Grenzen eines bestimmten Modells. Was zunächst wie ein reiner Sachkonflikt aussieht, kann sich im Gespräch als tiefer Beziehungskonflikt erweisen. Umgekehrt kann hinter einer emotional geführten Auseinandersetzung eine sehr konkrete Frage stehen, die geregelt werden muss. Die integrierte Mediation verbindet deshalb unterschiedliche Ansätze und richtet das Vorgehen am jeweiligen Konflikt und an den Bedürfnissen der Beteiligten aus. Nicht ein bestimmtes Modell gibt den Weg vor, sondern die Frage, was im Verlauf der Mediation notwendig ist, damit Verständnis und eine eigenverantwortliche Lösungsfindung möglich werden.

 

Methoden und verwandte Formen der Konfliktklärung

Nicht alles, was bei der Bearbeitung eines Konflikts hilfreich sein kann, ist eine eigene Mediationsart. Einige Methoden und Verfahren haben sich unabhängig davon entwickelt, weisen aber deutliche Berührungspunkte mit der Mediation auf.

Klärungshilfe – schwierige Beziehungen offen ansprechen

Wenn eine Beziehung bereits stark belastet ist, reicht es manchmal nicht aus, nur nach einer schnellen Lösung für die aktuelle Streitfrage zu suchen. Die Klärungshilfe nimmt deshalb auch schwierige Themen und negative Gefühle ausdrücklich in den Blick. Zunächst soll Klarheit darüber entstehen, was zwischen den Beteiligten steht. Enttäuschung, Ärger oder Verletzungen dürfen dabei zur Sprache kommen. Erst wenn besser verstanden wird, was die Beziehung belastet, richtet sich der Blick auf die weitere Zusammenarbeit oder das zukünftige Miteinander. Besonders bekannt ist die Klärungshilfe aus Konflikten in Teams und Organisationen, sie kann aber auch bei anderen länger andauernden Beziehungskonflikten hilfreich sein.

Das Harvard-Konzept – Interessen statt Positionen

Hinter einer scheinbar unvereinbaren Forderung steht häufig ein Interesse, das auf den ersten Blick gar nicht sichtbar ist. Genau diese Unterscheidung zwischen Positionen und den dahinterliegenden Interessen gehört zu den zentralen Gedanken des Harvard-Konzepts. Das Harvard-Konzept ist keine eigene Mediationsart, sondern ein Konzept der sachbezogenen Verhandlungsführung. Mensch und Problem sollen voneinander getrennt, Interessen statt bloßer Positionen betrachtet, unterschiedliche Lösungsmöglichkeiten entwickelt und möglichst nachvollziehbare Kriterien für Entscheidungen herangezogen werden. Diese Grundgedanken haben auch die Mediation stark beeinflusst.

Moderation – ähnlich, aber nicht dasselbe wie Mediation

Auch eine Moderation kann Menschen dabei unterstützen, miteinander ins Gespräch zu kommen, Themen zu strukturieren und gemeinsam Ergebnisse zu erarbeiten. Ihr Schwerpunkt liegt jedoch häufig stärker auf Sachfragen, Arbeitsprozessen oder gemeinsamen Entscheidungen. Das kann beispielsweise für Gruppen oder Teams sinnvoll sein, die unterschiedliche Auffassungen miteinander klären oder eine gemeinsame Entscheidung vorbereiten wollen. Sind Beziehungen dagegen bereits stark belastet und bestimmen Verletzungen oder festgefahrene Konfliktmuster das Gespräch, geht Mediation in der Regel tiefer in die eigentliche Konfliktbearbeitung.

 

Wenn ein direktes Gespräch schwierig ist

Das gemeinsame Gespräch gehört zu den wesentlichen Elementen einer Mediation. Es gibt jedoch Situationen, in denen eine unmittelbare Begegnung zunächst kaum möglich oder nicht sinnvoll erscheint. Auch dafür gibt es besondere Formen der Konfliktbearbeitung.

Shuttlemediation – der Mediator vermittelt zwischen den Beteiligten

Bei einer Shuttlemediation befinden sich die Beteiligten nicht gemeinsam in einem Gespräch. Der Mediator spricht abwechselnd mit ihnen und vermittelt Informationen, Interessen, Fragen oder mögliche Lösungsvorschläge zwischen den Seiten. Das kann beispielsweise sinnvoll sein, wenn große räumliche Entfernungen bestehen oder ein direktes Gespräch aufgrund der Konfliktsituation zunächst kaum möglich erscheint. Gleichzeitig verändert diese Form die Kommunikation erheblich: Die Beteiligten hören einander nicht unmittelbar. Der Vermittlung durch den Mediator kommt deshalb eine besonders wichtige Bedeutung zu.

Stellvertretermediation – Konfliktarbeit ohne direkte Begegnung

Manchmal ist die andere Konfliktpartei gar nicht bereit oder in der Lage, an einer gemeinsamen Mediation teilzunehmen. Bei einer Stellvertretermediation kann dennoch am eigenen Umgang mit dem Konflikt gearbeitet werden. Ein zweiter Mediator übernimmt dabei stellvertretend die Rolle der nicht anwesenden Konfliktpartei. Die anwesende Person kann dadurch die eigene Sicht auf den Konflikt betrachten und zugleich versuchen, die mögliche Perspektive der anderen Seite einzubeziehen. Das kann neue Einsichten ermöglichen und auch auf ein späteres gemeinsames Gespräch vorbereiten. Eine Vereinbarung zwischen den tatsächlich am Konflikt beteiligten Personen ersetzt die Stellvertretermediation jedoch nicht.

Hybride Verfahren – Mediation mit anderen Verfahren verbinden

Nicht jeder Konflikt lässt sich allein durch eine Mediation lösen. Gleichzeitig kann es sinnvoll sein, zunächst den Versuch einer eigenverantwortlichen Einigung zu unternehmen, bevor ein Dritter über den Streit entscheidet. Genau hier setzen hybride Verfahren an. Sie verbinden Mediation mit anderen Formen der Streitbeilegung.

Ein Beispiel ist Med-Arb. Die Beteiligten versuchen zunächst, ihren Konflikt in einer Mediation selbst zu lösen. Gelingt keine Einigung, kann sich ein Schiedsverfahren anschließen, das zu einer verbindlichen Entscheidung führt. Andere Varianten verändern die Reihenfolge oder trennen die Rollen von Mediator und Schiedsrichter. Gerade diese Rollenverteilung ist von Bedeutung. Wer in einer Mediation vertrauliche Informationen erhält, befindet sich in einer anderen Rolle als jemand, der später eine Entscheidung über den Konflikt treffen soll. Deshalb müssen Vertraulichkeit, Zuständigkeiten und der Wechsel zwischen den Verfahren klar geregelt sein.

Hybride Verfahren sind damit keine weitere Mediationsart neben facilitativer, narrativer oder systemischer Mediation. Sie verbinden vielmehr unterschiedliche Wege der Konfliktklärung miteinander.

 

Welcher Mediationsansatz ist der richtige?

Wenn Sie Unterstützung bei einem Konflikt suchen, müssen Sie nicht vorher wissen, ob eine facilitative, narrative, systemische oder transformative Mediation für Sie infrage kommt. Sie müssen auch nicht entscheiden können, ob Klärungshilfe, Harvard-Konzept oder eine andere Methode zu Ihrer Situation passt. Die verschiedenen Modelle helfen vor allem dabei zu verstehen, welche Möglichkeiten der Konfliktbearbeitung es gibt. In der Praxis können sich Elemente verschiedener Ansätze ergänzen.

Entscheidend ist der konkrete Konflikt: Was ist geschehen? Wie sprechen die Beteiligten inzwischen miteinander? Welche Sachfragen müssen geklärt werden? Welche Interessen, Bedürfnisse oder Emotionen spielen eine Rolle? Und was brauchen die Beteiligten, damit sie wieder eigene Entscheidungen treffen können? Eine gute Mediation versucht deshalb nicht, einen Konflikt passend zu einer Methode zu machen. Die Methode muss zum Konflikt und zu den beteiligten Menschen passen.

© 2026 Frank Hartung Ihr Mediator bei Konflikten in Familie, Erbschaft, Beruf, Wirtschaft und Schule

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