
Wenn Menschen in einen Konflikt geraten, wünschen sie sich meist eine Lösung. Der Nachbar soll einlenken, der Kollege sein Verhalten ändern, die Familie eine Regelung finden oder der Geschäftspartner endlich verstehen, worum es geht. Doch je länger ein Konflikt dauert, desto schwieriger kann es werden, überhaupt noch zu sagen, was eigentlich gelöst werden müsste.
Genau darin kann ein wichtiger Wert der Mediation liegen. Sie führt nicht automatisch zu einer Einigung und sie nimmt den Beteiligten ihre Entscheidungen nicht ab. Aber sie kann dabei helfen, einen Konflikt genauer zu betrachten. Vielleicht besteht der erste Erfolg einer Mediation deshalb nicht darin, eine Lösung zu finden. Vielleicht besteht er darin, endlich klarer zu sehen, was eigentlich gelöst werden müsste.
Ein Streit hat häufig einen konkreten Anlass. Eine Bemerkung im Gespräch. Eine Entscheidung, die nicht abgesprochen wurde. Geld, das ausgegeben wurde. Eine Aufgabe, die liegen geblieben ist. Ein Baum an der Grundstücksgrenze. Darüber lässt sich zunächst verhältnismäßig leicht sprechen.
Mit der Zeit kommen jedoch weitere Erfahrungen hinzu. Frühere Auseinandersetzungen werden wieder wichtig, Aussagen werden vor dem Hintergrund des bisherigen Konflikts interpretiert und aus einzelnen Situationen entstehen Schlussfolgerungen über die andere Person: „Auf ihn kann man sich nicht verlassen.“ „Sie nimmt mich ohnehin nicht ernst.“ „Mit ihm kann man nicht reden.“ Irgendwann geht es dann nicht mehr nur um den ursprünglichen Anlass. Vergangenheit, Gegenwart, Erwartungen und Bewertungen liegen übereinander.
Wer einen Konflikt erlebt, betrachtet ihn aus der eigenen Perspektive. Das ist selbstverständlich. Man weiß, was man gesagt oder gemeint hat, erinnert sich an bestimmte Situationen und verbindet damit eigene Erfahrungen und Gefühle. Die andere Person erlebt denselben Konflikt möglicherweise anders. Gerade diese Unterschiede können dazu führen, dass beide Seiten überzeugt sind, die Situation eigentlich längst verstanden zu haben. Mediation muss daraus keine gemeinsame Wahrheit herstellen. Interessanter kann zunächst sein, die unterschiedlichen Wahrnehmungen nebeneinander sichtbar werden zu lassen. Was habe ich erlebt? Was hat der andere erlebt? Wo unterscheiden sich unsere Erinnerungen oder Bewertungen? Und welche Bedeutung hat das für den heutigen Konflikt? Klarheit entsteht dann nicht dadurch, dass eine Sichtweise gewinnt, sondern dadurch, dass die Unterschiede genauer erkennbar werden.
Zwei Menschen können lange über eine konkrete Sache streiten und trotzdem aneinander vorbeireden. Hinter der Auseinandersetzung um Geld kann beispielsweise die Frage stehen, wer Verantwortung trägt. Hinter einem Streit über Arbeitsaufgaben vielleicht die Erfahrung, regelmäßig übergangen zu werden. Und ein Konflikt zwischen Geschwistern über die Versorgung der Eltern kann mit sehr unterschiedlichen Vorstellungen darüber verbunden sein, wer in der Familie schon immer wie viel Verantwortung übernommen hat.
Das bedeutet nicht, dass hinter jedem Konflikt zwangsläufig ein verborgenes psychologisches Problem gesucht werden muss. Manchmal geht es tatsächlich um Geld, Zuständigkeiten oder einen Baum. Wichtig ist vielmehr, unterscheiden zu können: Was ist der konkrete Gegenstand unseres Streits – und was ist im Laufe des Konflikts noch hinzugekommen?
Nicht jede unterschiedliche Sichtweise lässt sich auflösen. Menschen können andere Vorstellungen davon haben, was gerecht ist, wie Verantwortung verteilt werden sollte oder welche Erwartungen sie an eine Beziehung, Zusammenarbeit oder Vereinbarung haben. Auch nach einem ausführlichen Gespräch können solche Unterschiede bestehen bleiben. Das muss nicht bedeuten, dass die Klärung gescheitert ist. Im Gegenteil: Es kann einen erheblichen Unterschied machen, ob zwei Menschen noch versuchen, den anderen von der einzig richtigen Sicht zu überzeugen, oder ob beide wissen, an welcher Stelle ihre Vorstellungen tatsächlich auseinandergehen. Erst dann lässt sich sinnvoll fragen, ob trotz dieses Unterschieds eine Regelung möglich ist.
Konflikte enthalten häufig Fragen, über die die Beteiligten selbst entscheiden können – und andere, die außerhalb ihres gemeinsamen Einflusses liegen. Zwei Kollegen können miteinander klären, wie sie künftig Informationen austauschen möchten. Sie können aber möglicherweise nicht entscheiden, wie Zuständigkeiten im Unternehmen grundsätzlich verteilt werden. Getrennte Eltern können viele Fragen ihres Umgangs miteinander besprechen, aber nicht jede rechtliche Frage allein durch eine gemeinsame Verständigung beantworten.
Dabei kann deutlich werden, worüber die Beteiligten selbst entscheiden können, wo Informationen fehlen, wann fachliche oder rechtliche Beratung gebraucht wird und an welcher Stelle jemand anderes entscheiden muss. Eine Mediation kann solche Grenzen sichtbar machen. Sie kann sie nicht aufheben. Wie ein Mediationsverfahren grundsätzlich aufgebaut sein kann, erläutere ich unter Ablauf und Phasen einer Mediation.
Während eines Konflikts richtet sich die Aufmerksamkeit leicht auf die andere Seite: Was müsste sie endlich verstehen? Was sollte sie ändern? Warum verhält sie sich so? Dabei kann aus dem Blick geraten, dass auch die eigene Position nicht immer so eindeutig ist, wie sie zunächst erscheint.
Vielleicht stellt jemand im Gespräch fest, dass ihm eine Entschuldigung wichtiger ist als die ursprünglich verlangte finanzielle Regelung. Vielleicht wird deutlich, dass eine bestimmte Forderung vor allem deshalb so wichtig geworden ist, weil man sich zuvor nicht ernst genommen fühlte. Oder jemand erkennt, dass eine Grenze erreicht ist und eine weitere Zusammenarbeit für ihn nicht mehr vorstellbar ist. Auch damit ist der Konflikt noch nicht gelöst. Es verändert aber die Grundlage, auf der weitere Entscheidungen getroffen werden.
Natürlich kann am Ende einer Mediation eine gemeinsame Vereinbarung stehen. Die Beteiligten finden eine Regelung, mit der sie umgehen können, und entscheiden selbst, wie es weitergehen soll. Doch eine unterschriebene Vereinbarung ist nicht der einzige denkbare Maßstab dafür, ob die Gespräche etwas bewirkt haben.
Es kann ebenso bedeutsam sein, wenn anschließend klar ist, weshalb eine Einigung derzeit nicht möglich ist. Vielleicht stehen Interessen tatsächlich gegeneinander. Vielleicht fehlt einer Seite die Bereitschaft zu einer bestimmten Veränderung. Vielleicht muss zunächst eine rechtliche, wirtschaftliche oder organisatorische Frage außerhalb der Mediation geklärt werden. Oder die Beteiligten erkennen, dass sie ihre Beziehung oder Zusammenarbeit künftig anders gestalten wollen. Auch solche Ergebnisse gehören zu einer realistischen Betrachtung der Grenzen der Mediation.
Ein geklärter Konflikt muss nicht damit enden, dass sich Menschen wieder mögen, einander in allem verstehen oder dieselbe Sicht auf das Geschehene entwickeln. Manchmal bleibt Enttäuschung. Manchmal bleiben unterschiedliche Bewertungen. Und manchmal führt gerade die Klärung zu einer Entscheidung, die sich eine Seite ursprünglich anders gewünscht hatte. Klarheit kann trotzdem etwas verändern. Wer genauer weiß, worüber gestritten wird, was die andere Seite anders sieht, welche eigenen Interessen und Grenzen bestehen und was überhaupt gemeinsam entschieden werden kann, steht an einem anderen Punkt als zuvor. Ob daraus eine Einigung entsteht, bleibt offen.
Mediation verspricht keine Lösung für jeden Konflikt. Sie kann aber einen Rahmen schaffen, in dem deutlicher wird, worüber tatsächlich gestritten wird, was geklärt werden kann und welche Unterschiede möglicherweise bestehen bleiben. Manchmal ist genau diese Klarheit die Voraussetzung dafür, überhaupt entscheiden zu können, wie es weitergeht.
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