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Emotionen in der Mediation – Gefühle wahrnehmen, ohne sie zu deuten

„Das macht mich einfach wütend.“ Manchmal wird ein Gefühl in einer Mediation so deutlich ausgesprochen. Manchmal zeigt es sich anders: Die Stimme wird lauter, jemand verstummt, ringt um Worte oder braucht einen Moment, bevor das Gespräch weitergehen kann. Konflikte werden schließlich nicht nur mit Argumenten geführt. Sie können Menschen enttäuschen, verletzen, verunsichern oder wütend machen.

Für einen Mediator stellt sich dann eine besondere Frage: Was macht er mit diesen Gefühlen? Soll er sie ansprechen, ihnen Raum geben oder versuchen, das Gespräch wieder auf die Sachebene zurückzuführen? Emotionen müssen in einer Mediation weder beseitigt noch vom Mediator entschlüsselt werden. Entscheidend ist vielmehr, ob und welche Bedeutung sie für das haben, was zwischen den Beteiligten geklärt werden soll.

Emotionen in der Mediation – Konfliktparteien im Gespräch mit einem Mediator

 

Ein Konflikt ist selten nur sachlich

Zwei Menschen können über eine Rechnung streiten, über Arbeitszeiten, eine Erbschaft oder den Umgang mit den Kindern. Auf den ersten Blick lässt sich ziemlich genau benennen, worum es geht. Trotzdem erklärt das Sachthema allein häufig nicht, warum ein Gespräch so schwierig geworden ist. Vielleicht fühlt sich jemand übergangen oder eine Erwartung wurde enttäuscht. Hinter dem Streit kann ebenso die Sorge stehen, was eine Entscheidung für die Zukunft bedeuten könnte. Und manchmal ist jemand schlicht wütend über das Verhalten des anderen.

Solche Gefühle sind nicht automatisch ein Hindernis für eine Mediation. Sie gehören zunächst zu dem, was die Beteiligten in das Gespräch mitbringen. Problematisch kann es allerdings werden, wenn über die Sache gesprochen werden soll, während das, was einen Beteiligten tatsächlich beschäftigt, im Gespräch überhaupt keinen Platz findet.

 

Gefühle dürfen da sein

Ein Mediator muss Wut, Enttäuschung oder Traurigkeit nicht aus einem Gespräch entfernen, damit anschließend wieder „vernünftig“ gesprochen werden kann. Ein Mensch kann wütend sein und trotzdem etwas Wichtiges sagen. Er kann enttäuscht sein und dennoch Entscheidungen treffen. Und er kann während einer Mediation emotional werden, ohne dass damit die Mediation gescheitert wäre.

Das bedeutet allerdings nicht, dass jedes Gefühl ausführlich bearbeitet werden muss. Auch hier entscheiden die Beteiligten mit darüber, worüber sie sprechen möchten. Wenn jemand sagt, dass er über seine Gefühle gerade nicht reden möchte, ist auch das eine Information, mit der ein Mediator umgehen muss. Mediation ist keine Aufforderung zur emotionalen Offenlegung.

 

Der Mediator weiß nicht, was ein anderer Mensch fühlt

Menschen zeigen Emotionen sehr unterschiedlich. Auch echte Emotionen müssen nicht deutlich sichtbar sein, und verdeckte Emotionen lassen sich nicht zuverlässig aus einzelnen Verhaltensweisen erschließen. Jemand spricht laut, ein anderer wird still. Manche Menschen gestikulieren viel, andere sitzen nahezu unbewegt am Tisch. Daraus lassen sich Wahrnehmungen beschreiben – aber nicht zuverlässig die Gefühle eines Menschen ablesen.

Wenn jemand die Arme verschränkt, weiß der Mediator nicht, ob dieser Mensch ablehnend, angespannt oder einfach bequem sitzt. Und selbst wenn jemand selbst sagt, dass er wütend ist, weiß der Mediator noch nicht, was diese Wut für den Betroffenen bedeutet. Besonders vorsichtig wäre deshalb eine Interpretation wie: „Hinter Ihrer Wut steckt eigentlich Angst.“ Vielleicht stimmt sie. Vielleicht auch nicht.

Wahrnehmen kann der Mediator vieles. Schwieriger wird es, wenn aus einer solchen Beobachtung unmittelbar eine Erklärung entsteht: „Sie sind verletzt“, „Sie haben Angst“ oder „Sie fühlen sich nicht wertgeschätzt“. Eine solche Deutung kann zutreffen, sie kann dem Beteiligten aber ebenso ein Gefühl zuschreiben, das er selbst gar nicht so erlebt.

Der Mediator muss das nicht entscheiden. Er kann beispielsweise fragen: „Ich habe den Eindruck, dass Sie das gerade sehr beschäftigt. Möchten Sie etwas dazu sagen?“ Damit bietet er dem Beteiligten die Möglichkeit, seine eigene Wahrnehmung zu beschreiben – oder die Wahrnehmung des Mediators zu korrigieren. Welche Wirkung bereits die Art einer Frage auf ein Gespräch haben kann, zeigt sich auch bei den Fragetechniken in der Mediation. Wahrnehmen kann der Mediator. Mit dem Interpretieren sollte er vorsichtiger sein.

 

Manchmal verändert ein Gefühl das Gespräch

Es gibt Momente, in denen ein Gespräch trotz starker Gefühle weitergehen kann. In anderen Situationen wird das schwieriger. Wer gerade sehr aufgewühlt ist, hört möglicherweise anders zu oder kann einen Gedanken nicht sofort weiterverfolgen. Dann kann eine Pause sinnvoller sein als die nächste Frage. Manchmal genügt auch ein Moment des Schweigens.

Dabei geht es nicht darum, einen Menschen durch eine bestimmte Technik möglichst schnell wieder in einen gewünschten emotionalen Zustand zu bringen. Der Mediator ist nicht dafür verantwortlich, dass alle Beteiligten jederzeit ruhig sind. Seine Aufgabe besteht vielmehr darin, darauf zu achten, ob ein Gespräch unter den gegebenen Umständen noch sinnvoll geführt werden kann und ob die Beteiligten weiterhin in der Lage sind, für sich selbst zu sprechen und Entscheidungen zu treffen.

 

Verstehen bedeutet nicht, ein Gefühl zu teilen

Wenn ein Beteiligter sagt, dass er wütend, enttäuscht oder verletzt ist, kann der Mediator versuchen zu verstehen, was diese Aussage für den Konflikt bedeutet. Dafür muss er das Gefühl weder bewerten noch selbst genauso empfinden. Auch der andere Beteiligte muss es nicht teilen.

Das ist gerade bei unterschiedlichen Wahrnehmungen wichtig. Ein Mensch kann sich durch ein Verhalten tief verletzt fühlen, während der andere überzeugt ist, nichts Verletzendes getan zu haben. In einer Mediation müssen diese beiden Sichtweisen nicht zunächst zu einer gemeinsamen Wahrheit zusammengeführt werden. Es kann bereits weiterhelfen, wenn beide verstehen, dass dasselbe Geschehen unterschiedlich erlebt wurde und welche Bedeutung diese Unterschiede für den Konflikt haben.

 

Mediation ist keine Therapie

Wo Gefühle eine Rolle spielen, kann die Grenze zwischen Mediation und therapeutischer Arbeit schnell unscharf erscheinen. In einer Mediation dürfen Menschen selbstverständlich über Angst, Trauer, Wut oder Verletzungen sprechen. Der Mediator muss daraus aber keine therapeutische Bearbeitung machen.

Seine Aufgabe besteht nicht darin, die psychischen Ursachen eines Gefühls zu ergründen, Diagnosen zu stellen oder emotionale Erfahrungen therapeutisch aufzuarbeiten. Für die Mediation ist zunächst relevant, was die Beteiligten selbst in das Gespräch einbringen und welche Bedeutung dies für ihren Konflikt und eine mögliche Klärung hat. Zeigt sich, dass das, was ein Mensch benötigt, außerhalb der Grenzen der Mediation liegt, gehört es zur Professionalität des Mediators, diese Grenze zu erkennen und transparent zu machen.

 

Und was ist mit den Gefühlen des Mediators?

Emotionen gibt es nicht nur auf der anderen Seite des Tisches. Auch ein Mediator kann von einer Erzählung berührt sein. Ein Verhalten kann ihn irritieren, eine Äußerung ärgern oder bei ihm spontan Verständnis für einen Beteiligten auslösen. Die Vorstellung, professionelle Mediatoren hätten während einer Mediation keine eigenen emotionalen Reaktionen, wäre wenig realistisch.

Entscheidend ist deshalb nicht, solche Reaktionen zu verhindern. Entscheidend ist der professionelle Umgang damit. Der Mediator sollte wahrnehmen können, was eine Situation bei ihm selbst auslöst, und prüfen, ob dies gerade sein Verhalten gegenüber den Beteiligten beeinflusst. Eigene Gefühle können damit Anlass zur Selbstreflexion sein und gehören insofern auch zur professionellen Haltung des Mediators – sie sollten aber nicht unbemerkt darüber entscheiden, wem der Mediator glaubt, wen er besonders schützen möchte oder in welche Richtung er das Gespräch führt.

 

Gefühle müssen nicht gelöst werden

Am Ende einer Mediation muss niemand frei von Wut, Enttäuschung oder Trauer sein. Möglicherweise haben sich Gefühle im Verlauf des Gesprächs verändert oder sind für die Beteiligten verständlicher geworden. Sie können aber ebenso fortbestehen, obwohl eine Entscheidung getroffen oder eine Vereinbarung gefunden wurde.

Das ist kein Widerspruch. Mediation soll Menschen nicht in einen bestimmten emotionalen Zustand versetzen. Gefühle dürfen Teil eines Konflikts und Teil einer Mediation sein, ohne selbst zum Problem erklärt zu werden. Die Aufgabe des Mediators besteht nicht darin, sie für die Beteiligten zu deuten oder zu lösen, sondern einen Rahmen zu schaffen, in dem auch über das gesprochen werden kann, was für die Klärung des Konflikts Bedeutung hat.

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