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Transgressive Mediation – wenn ungewöhnliche Wege neue Sichtweisen ermöglichen

Mediation ist ein strukturiertes Verfahren. Aber bedeutet das auch, dass jedes Gespräch einem vorhersehbaren Weg folgen muss? Wohl kaum. Konflikte entwickeln sich nicht nach einem Ablaufplan – und manchmal entsteht gerade dann Bewegung, wenn im Gespräch etwas Unerwartetes geschieht.

Ansätze, die als transgressive Mediation beschrieben werden, greifen diesen Gedanken auf und gehen bewusst über vertraute Vorgehensweisen hinaus. Ungewöhnliche Fragen, überraschende Interventionen oder auch Humor können festgefahrene Sichtweisen irritieren. Das klingt zunächst reizvoll. Für mich beginnt die interessante Frage aber genau dort: Wann öffnet eine solche Irritation tatsächlich einen neuen Blick – und wann drängt der Mediator die Beteiligten in eine Richtung, die vor allem er selbst für richtig hält?

 

Was bedeutet eigentlich „transgressiv“?

Transgressiv bedeutet vereinfacht, eine Grenze zu überschreiten oder über etwas hinauszugehen. Auf Mediation übertragen heißt das nicht, dass plötzlich alle Regeln außer Kraft gesetzt werden. Gemeint ist vielmehr die Bereitschaft, gewohnte Denk- und Gesprächswege zu verlassen, wenn sie im Konflikt nicht weiterführen. Das kann eine ungewöhnliche Frage sein, eine überraschende Veränderung der Gesprächssituation oder eine Intervention, mit der ein vertrautes Konfliktmuster sichtbar wird. Dabei geht es nicht um Originalität. Eine Irritation hat keinen Wert an sich. Interessant wird sie erst, wenn sie den Beteiligten ermöglicht, etwas wahrzunehmen, das ihnen auf ihren bisherigen Wegen verborgen geblieben ist.

 

Konflikte halten sich selten an einen Plan

Ein Mediationsverfahren braucht Orientierung und Struktur. Trotzdem lässt sich nicht vorhersagen, an welcher Stelle eines Gesprächs sich etwas verändert. Ein scheinbar nebensächlicher Satz kann plötzlich ein wichtiges Thema sichtbar machen. Eine Frage kann eine völlig unerwartete Reaktion auslösen. Manchmal führt sogar ein Umweg näher an den eigentlichen Konflikt als der direkte Weg.

Darin liegt für mich ein interessanter Gedanke der transgressiven Mediation: Struktur darf nicht mit Starrheit verwechselt werden. Ein Mediator kann einen Rahmen geben und trotzdem offen dafür bleiben, dass das Gespräch anders verläuft, als er es erwartet hat.

 

Irritation kann Bewegung schaffen

Menschen entwickeln in länger andauernden Konflikten häufig sehr feste Erklärungen dafür, was passiert ist, wer verantwortlich ist und warum die andere Seite so handelt. Diese Erklärungen geben Orientierung. Gleichzeitig können sie dazu beitragen, dass sich ein Konflikt immer wieder auf denselben Bahnen bewegt. Eine unerwartete Frage oder ein anderer Blickwinkel kann diesen Ablauf für einen Moment unterbrechen. Der Mediator muss dafür keine bessere Erklärung kennen. Es genügt, wenn etwas, das bisher selbstverständlich erschien, plötzlich noch einmal betrachtet werden kann. Ob daraus tatsächlich eine neue Sicht entsteht, lässt sich allerdings nicht steuern.

 

Wie viel Störung darf ein Mediator erzeugen?

Wer bewusst irritiert, greift in das Gespräch ein. Je ungewöhnlicher oder provokanter eine Intervention ist, desto größer kann auch ihre Wirkung sein – in beide Richtungen. Sie kann Neugier auslösen, einen festgefahrenen Gedanken unterbrechen oder einen neuen Zugang ermöglichen. Sie kann aber ebenso verunsichern, verletzen oder als Bewertung wahrgenommen werden.

Deshalb überzeugt mich die Vorstellung eines Mediators als „kreativer Störer“ nur begrenzt. Der Mediator ist nicht dafür da, möglichst wirkungsvolle Überraschungen zu produzieren. Auch eine ungewöhnliche Intervention muss sich daran messen lassen, ob die Beteiligten weiterhin selbstbestimmt über ihren Konflikt sprechen und entscheiden können. Dazu gehört auch, dass der Mediator die eigene Wirkung wahrnimmt und reflektiert – ein wichtiger Teil seiner professionellen Haltung.

 

Und welche Rolle spielt Humor?

Humor ist ein gutes Beispiel dafür, wie schmal diese Grenze sein kann. Ein gemeinsames Lachen kann Distanz zu einer festgefahrenen Situation schaffen und etwas sichtbar machen, das vorher kaum ansprechbar war. Gleichzeitig kann derselbe Humor in einer Mediation einen Konflikt bagatellisieren oder jemanden zum Gegenstand des Lachens machen. Das Problem liegt deshalb nicht darin, dass Humor oder andere ungewöhnliche Interventionen grundsätzlich nichts in einer Mediation zu suchen hätten. Problematisch wird es, wenn der Mediator bereits zu wissen glaubt, welche Wirkung seine Intervention haben wird. Er kennt seine Absicht. Wie die Beteiligten seine Intervention erleben, zeigt sich erst im Gespräch.

 

Mediation ist keine Psychotherapie

Konflikte können mit starken Emotionen, alten Verletzungen und persönlichen Erfahrungen verbunden sein. Das bedeutet aber nicht automatisch, dass diese in einer Mediation therapeutisch bearbeitet werden sollten.

Ein Mediator kann wahrnehmen, dass bestimmte Erfahrungen für den aktuellen Konflikt bedeutsam sind, und ihnen im Gespräch Raum geben. Daraus wird jedoch keine Psychotherapie. Wo eine therapeutische Bearbeitung notwendig ist, braucht es dafür den entsprechenden professionellen Rahmen und die entsprechende Qualifikation. Eine kreative Intervention des Mediators ersetzt beides nicht.

 

Nicht jeder Umweg führt irgendwohin

Das Ungewöhnliche hat schnell etwas Faszinierendes. Gerade deshalb sollte man es nicht mit Wirksamkeit verwechseln. Eine überraschende Frage ist nicht automatisch besser als eine naheliegende. Ein chaotisch wirkender Gesprächsverlauf ist nicht automatisch kreativer als ein strukturierter. Und eine Grenzüberschreitung ist nicht allein deshalb hilfreich, weil sie etwas in Bewegung bringt.

Manchmal braucht ein Konflikt einen unerwarteten Impuls. Manchmal braucht er schlicht Ruhe, Struktur und eine Frage, die schon hundert Mediatoren vor uns gestellt haben. Professionell ist, unterscheiden zu können, wann ein anderer Weg hilfreich sein könnte – und wann es besser ist, bei einem einfachen zu bleiben.

 

Was bleibt von der transgressiven Mediation?

Für mich liegt der interessante Gedanke der transgressiven Mediation nicht darin, möglichst ungewöhnliche Methoden einzusetzen. Sie erinnert vielmehr daran, dass ein strukturiertes Verfahren beweglich bleiben muss. Der Mediator gestaltet den Prozess, soll aber nicht die Lösung bestimmen. Manchmal kann eine Irritation dazu beitragen, dass Menschen ihre eigenen Gedanken noch einmal anders betrachten. Die Grenze verläuft dort, wo aus dem Impuls des Mediators seine Vorstellung davon wird, wohin sich das Gespräch entwickeln sollte. Denn auch auf ungewöhnlichen Wegen bleibt es der Konflikt der Beteiligten – und nicht der des Mediators.

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