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Erbschaftsmediation – von juristisch zu emotional

Liebe Leserinnen und Leser!

Wenn es um ein Erbe geht, dann kann die Familiengeschichte eine ganz wesentliche Rolle dabei spielen, wie ein Mediationsverfahren abläuft. Im Idealfall werden in der Erbschaftsmediation diverse Missverständnisse aufgeklärt und an verschiedene Familienmitglieder adressierte Konflikte gelöst. Der Weg dorthin kann aber ein langer und steiniger sein.

 

Das Problem liegt eigentlich ganz woanders

Häufig werden Mediatoren schon früh in den Bereich Erbschaft mit einbezogen. Dann nämlich, wenn eine Testamentserstellung ansteht, sorgen sich künftige Erblasser um die Einigkeit zwischen Geschwistern und anderen Angehörigen. Die Medianden sollen dann schon im Vorfeld lernen, in Zukunft auch nach Ableben eines lieben Angehörigen miteinander auszukommen. Zu Beginn der Mediation stehen dann noch juristische Schlagworte wie „Pflichtteil“ oder „Anspruch“ zur Debatte. Im Laufe des Verfahrens taucht man dann jedoch ganz tief in die Familiengeschichte ein und erkennt, dass die Konflikte eigentlich ganz anderer Herkunft sind. Ganz oft liegen diese prägenden Ereignisse nämlich lange zurück und haben in der Kindheit oder Jugend ihre Wurzeln.

 

Von der Sachebene auf die Beziehungsebene

Die Familiengeschichte spielt bei der Erbschaftsmediation eine wichtige Rolle. Zunächst werden von den Medianden alle Belange und Interessen juristisch verpackt, bevor plötzlich Begrifflichkeiten wie Moral, Fairness und Gerechtigkeit zur Rede stehen. Jetzt wird aus der sachlich begonnenen Mediation ein emotionaler Drahtseilakt. In einer Konfliktsituation kann der Begriff der Moral kaum positiv besetzt werden. Meistens steht dahinter der Vorwurf eines unmoralischen Verhaltens.

Als unfair wird bei der Erbschaftsmediation beispielsweise die testamentarische Verteilung des Vermögens betrachtet. In diesem Zusammenhang kommen dann alte Verletzungen, Kränkungen oder Missachtungen ans Tageslicht und machen eine positive Grundeinstellung schwer. Nicht selten werden Beleidigungen ausgesprochen und die Kränkungen brechen aus den Medianden heraus. Hier bietet sich viel Potenzial, alte Konflikte aufzuarbeiten. Und genau dies muss geschehen und ist der Vorteil einer Erbschaftsmediation.

 

Mediation verbindet

Mediation EbrstreitAusgehend von einem sachlichen Anlass werden Konflikte aus längst vergangenen Tagen adressiert und Missverständnisse aufgeklärt. Die Kränkungen und Ereignisse aus der Vergangenheit können in der angenehmen und diskreten Atmosphäre der Mediation besprochen und bereinigt werden, ohne dabei „das Gesicht zu verlieren“. Voraussetzung hierfür ist, dass sich alle Medianden auf die Mediation einlassen und alle Formalitäten im Vorhinein geklärt werden konnten.

Zu Beginn kommen alle Medianden nacheinander zu Wort und äußern ihre Sichtweisen. Alle anderen hören den Erzählungen aufmerksam zu, um sich einen Eindruck über Bedürfnisse und Emotionen verschaffen zu können – sowohl verbal als auch nonverbal.

Im nächsten Schritt können dann zugrundeliegende Erwartungen, Motive, Kränkungen und andere Emotionen erforscht werden, die ihre Verspannungen an einer ganz anderen Stelle aufgelöst haben. Vergleichbar ist dieses Phänomen beispielsweise mit der Akupunktur: Behandelt wird an einer ganz anderen Körpersteller als an der, an der es wehtut.

Bei der Mediation werden nicht selten alte Wunden aufgebrochen, Erinnerungen an Enttäuschungen geweckt und Gefühle wie Eifersucht ans Tageslicht gebracht. Werden diese Gefühle von allen angenommen, verstanden und wertgeschätzt, ist dies der richtige Schritt in Richtung nachhaltige Lösung. Auch dann, wenn ein Elternteil bereits vorverstorben sein sollte, so kann es möglich sein, dass der verbleibende Elternteil an dessen Stelle für ihn spricht.

 

Geld regiert die Welt

Das liebe Geld hat in vielen Konflikten aus den Bereichen Erbschaft oder Scheidung eine Stellvertreterfunktion inne. Es steht für den unerfüllten Wunsch nach Dankbarkeit, Respekt, Wertschätzung oder auch für eine Entschuldigung. Bleiben diese Wünsche unerfüllt, wird vehement auf die Umsetzung eines geldwerten Anspruchs quasi als Schmerzensgeld bestanden. Im Rahmen der Mediation kommt es aufgrund des gewonnenen Verständnisses jedoch häufig zum Ausdruck von Respekt, Dankbarkeit oder Wertschätzung, weshalb sich die ursprünglich geforderten Summen durchaus verändern und korrigieren lassen. Auch Anfechtungen von Testamenten wurden schon zurückgenommen, weil eine bloße Entschuldigung ausgesprochen worden ist.

 

Mediation = Wille zum Gespräch

Sich auf ein Erbschaftsmediationsverfahren einzulassen, ist ein gutes Zeichen dafür, dass man sich mit der Familie einigen möchte. Der Mediationsbeginn bedeutet den Willen, miteinander sprechen zu wollen. Innerhalb des Verfahrens kommt jedem Medianden die ungeteilte Aufmerksamkeit zu, was wiederum einen Katalysator darstellen kann. Jeder darf seine Gefühle äußern und der Mediator sorgt für das Verständnis der dahinter stehenden Bedürfnisse, was häufig zu einem Aha-Effekt führt.

Mediatoren nutzen ihre Ausbildung und Erfahrung, um Auswege aus festgefahrenen Sackgassen zu finden. Den Rest bis zur Konfliktlösung erledigen die Medianden dann ganz allein – und das ist immer wieder faszinierend! Dies, zumal eine Erbschaftsmediation nun eigentlich einen traurigen Hintergrund mit wenig Potenzial für die Zukunft innehat; nämlich das Versterben eines Familienangehörigen. Entweder wird vor dem Ableben das Erbe geklärt oder eben nach dem Tod eines Angehörigen um das Erbe gestritten. Aus diesem Grund ist es immer wieder schön zu sehen, wie dank eines Mediationsverfahrens manchmal aus zerrütteten Familienmitgliedern wieder eine Familienbande werden kann.

Bis zum nächsten Mal und bleiben Sie zuversichtlich!

Ihr Frank Hartung

Gewissen und Bewusstsein
Verstehen ist nicht gleich Verständnis

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