Mediationsblog

Der Mediationsblog: Wissenswertes über Mediation und Streitbeilegung

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6 Minuten Lesezeit (1298 Worte)

Jeder denkt anders

Liebe Leserinnen und Leser!

Kennen Sie auch den aus dem Jahr 1975 stammenden Schlager von Juliane Werding, in dessen Refrain es „Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst“ heißt? Wenn Sie diesen Ohrwurm einmal Revue passieren lassen, werden Sie von den eingängigen Zeilen darauf aufmerksam gemacht, welche Fehler wir beim Denken machen können.

Menschen denken logisch oder dialektisch, also methodisch und in Gegensätzen. Menschen besitzen aber dank Vorstellungskraft und entsprechender Verknüpfungen aber auch die Fähigkeit, assoziativ zu denken. All diese Denkweisen (und noch viele weitere mehr) werden im Übrigen auch in der Mediation genutzt.

Im Mediationsverfahren stoße ich sehr häufig über Denkfehler, die auch im Alltag und Beruf Probleme bereiten können. Deshalb möchte ich mich heute ein wenig mit dem Denken auseinandersetzen.

 

Erkennen und Beurteilen = Denken

gedankenweltDenken beschreibt die Fähigkeiten des Erkennens und des Beurteilens. Bei beiden Fähigkeiten spielt der Verstand eine übergeordnete Rolle. Im Mediationsverfahren finden die Medianden die Konfliktlösung grundsätzlich selbst, was Denkprozesse erfordert. In der Mediation verschaffe ich den Medianden den benötigten Raum und Rahmen für ihre Denkarbeit. Meine Unterstützung als Mediator orientiert sich daran, welche Gedankengänge und Perspektiven für den Weg zur Konfliktlösung dienlich sein könnten.

Denken kostet eine Menge Energie und erfordert vor allem Ruhe. Die Gedanken dürfen nicht begrenzt werden, wenn über ein Problem nachgedacht wird. Stress erschwert oder verhindert sogar das Denken. In einer gefährlichen Situation geschieht dies zum eigenen Schutz, da dann spontane und intuitive Handlungen das Ruder übernehmen. Würden wir in einer Gefahrensituation erst lange analytisch und reflektiv über einen Rettungsweg nachdenken, wäre es vielleicht schon zu spät.

Analytisches und reflektives Denken ist also nur in bestimmten Situationen sinnvoll und nur dann überhaupt möglich, wenn Ruhe und gedankliche Freiheit herrschen. In Konflikten wird diese Metaebene aber verwehrt oder verkürzt. Kurzum: In einem Konflikt stehen wir unter Stress, denken begrenzt und irgendwie anders! Meine Aufgabe als Mediator ist daher, Blockaden zu beseitigen und den Weg für Gedankengänge wieder zu öffnen. Damit das gelingt, muss ich mich mit verschiedenen Denkprozessen und Denkfehlern auseinandersetzen.

 

Falsch gedacht!

Psychologisch betrachtet sind Denkfehler falsche Schlussfolgerungen, Irrtümer oder Fehleinschätzungen sowie systematische Abweichungen vom rationalen Denken. Da Menschen keine rational denkenden Wesen sind und wir nicht jeden einzelnen unserer Schritte rational nach individuellem Nutzen abwägen, unterlaufen uns häufig systematische Denkfehler. Wir schätzen gerne unsere Kenntnisse und Fähigkeiten falsch ein und „überschätzen“ uns.

Das Mediationsverfahren ist aber ein Verstehensprozess, bei dem Denkfehler eine Rolle spielen. Denkfehler in der Mediation können dem Verständnis für die Realität im Wege stehen.

Wissenschaftliche Forschungen haben mehr als 120 Denkfehler mit wohlklingenden Bezeichnungen wie Assoziationenfalle, Alles oder Nichts-Denken, fundamentaler Attributionsfehler oder Dunning-Kruger-Effekt beschrieben. Zusätzlich können Wahrnehmungsphänomene das klassische Denken in die Irre führen. Denkfehler sind leider tief bzw. evolutionär in uns verwurzelt, wurden uns „anerzogen“ und können deshalb nur schwer abgestellt werden. Denkfehler führen in der Regel zu Fehleinschätzungen, entsprechenden Standpunkten, daraus resultierenden Konflikten und können dennoch ihr Gutes haben. Als Mediator ist mein Bewusstsein für Denkfehler geschärft, damit ich meine Medianden beispielsweise durch die Technik des Loopens auf dem Weg zu einer realistischen Basis begleiten kann.

 

Gefahr erkannt – Gefahr gebannt?

Basis einer jeden Mediation ist Klarheit. Es bedarf also eines präzisen Umgangs mit Informationen und gut strukturierter Abläufe. Durch präzises Zuhören steht mir als Mediator ein Werkzeug zur Verfügung, durch das ich Denkfehler erkennen und eliminieren kann.

Im Mediationsverfahren wird im Idealfall auf sachlicher Art und Weise eine Auseinandersetzung über ein bestimmtes Problem geführt. Wenn von sachlich gesprochen wird, heißt dies jedoch nicht, dass alle Emotionen geleugnet werden können. Hier bedarf es der Technik des Verbalisierens, um bei emotionalen Ausbrüchen zurück zur Sachebene zu gelangen und wieder Verhandlungsbereitschaft herzustellen. Das emotionale und intuitive Denken der Medianden muss meines Erachtens vom Mediator erkannt und zur Verwirklichung eines Kognitionsprozesses genutzt werden.

 

Denken in unzähligen Arten

denkartenWeit verbreitet ist das lineare, also gradlinige Denken. Ohne Umschweife wird dabei das Ziel angepeilt. Das divergente Denken führt über abschweifende Umwege zum Ziel, was manchmal als Defizit deklariert wird. Wird ein gedankliches Ziel immer weiträumig umkreist, nach einem Weg gesucht und dann dennoch spontan ein anderer Weg gewählt, wird vom unkontrollierten divergenten Denken gesprochen.

Assoziatives Denken findet durch Inspiration im Unterbewusstsein statt, das von vielen Erfahrungen und Situationen geprägt ist. Durch assoziatives Denken können verborgene Interessen und Bedürfnisse zu Tage gebracht werden – also das, was dem Menschen wirklich wichtig ist. Im Gegenteil dazu steht das logische Denken, das Entscheidungen nur nach dem Abwägen von „entweder/oder“ bzw. „richtig/falsch“ zulässt. Bewertet wird dabei ausnahmslos nach Lage der bekannten Fakten.

Es ist jedoch das dialektische Denken, was dem mediativen Denken besonders nahe kommt. Hierbei bilden These und Antithese eine Synthese. Es werden Widersprüche akzeptiert, in die Gedankenarbeit mit einbezogen und später wieder aufgelöst. Mediatives Denken basiert auf einem umfänglichen Verständnis und richtet sich am Nutzen (nicht an der Lösung!) aus. Das Verständnis ist durch vollständige Informationen und Klarheit begründet. Mediatives Denken ist sorgfältiges Denken, was Informationen qualifiziert und zuordnet.

Durch mediatives Denken wird strukturiert der gesamte Komplex des jeweiligen Problems durchdacht, Widersprüche parallel aufgelöst, jeder Schritt rational nach Nutzen abgewägt und nutzenorientiert nach einer Lösung gesucht. Dieser Nutzen bildet dann die Basis für eine Lösung.

 

Denken – alleine, zu zweit oder in der Gruppe

Denken kann sehr anstrengend sein. Im Konflikt neigen Medianden zum konträren Denken, was in der Mediation zu einem parallelen Denken weder für oder gegen die Medianden überführt wird. Im Mediationsverfahren wird also eine Denkrichtung vorgegeben.

Ein Berater würde jetzt für die Parteien denken und eine „Marschrichtung“ vorgeben. Ein Mediator übernimmt jedoch keine Positionen für seine Medianden und denkt demnach auch nicht von ihren Standpunkten aus. Er sagt den Medianden auch nicht, wie sie jetzt was zu tun haben, sondern „stupst“ sie nur leicht an, wie sie selbst zu ihrem Ziel kommen können. Mediatoren achten in Gesprächen darauf, dass Anhaltspunkte nicht übersehen werden. Sie denken mit den Medianden, nicht gegen die Medianden oder gar in deren Köpfen.

Dies kann nur gelingen, wenn der Mediator jedem Medianden einen eigenen Kopf zugesteht und über Einfühlungsvermögen sowie Verständnis verfügt. Standpunkte werden von ihm nicht einfach übernommen, sondern hinterfragt, damit sie von allen Beteiligten ohne Wertung als solche nachvollzogen werden können. Der Mediator lässt sich auch nicht auf Widersprüche ein, sondern betrachtet diese eher wertfrei von außen. Das Denken des Mediators basiert auf Gemeinsamkeiten, nicht auf Widersprüchen.

Viele kluge Entscheidungen wurden bereits auf der Grundlage von kollektivem Denken getroffen. Hier wird die Schwarmintelligenz genutzt, um von einem Ausgangspunkt mit vereinten (Denk-) Kräften zu einem Ziel zu gelangen. Informationen werden eingebracht, ausgewertet und gemeinsam im Konsens zugeordnet.

 

Manchmal haben wir doch alle mal ein „Brett vorm Kopf“

Im Mediationsverfahren begeben sich die Medianden selbst auf die Lösung ihres Konflikts. Manchmal stolpern sie dabei über Denkhindernisse, die der Mediator aus dem Weg räumen muss. Hierzu gehören häufig Blockaden durch

  • durch Strategien dominiertes Denken
  • Einschränkungen in der Reflexionsfähigkeit
  • gedankenvielfaltbesonders komplexe Informationen, die Selektionen ermöglichen
  • Verlust des Kontext
  • Falscher Fokus
  • Lenken des Denkens in das Problem
  • Fixierung des Denkens auf eine Position
  • Ablehnung von Widersprüchen
  • Ausrichtung des Denkens auf gegensätzliche Ziele
  • Emotionen rücken in den Vordergrund
  • Beeinträchtigung des Denkens durch Wahrnehmungsfehler
  • Bestimmung der Gedankengänge durch Interaktionen

Um diese Denkhindernisse aus der Welt zu schaffen und die mediativen Gedankengänge zu ermöglichen, greift der Mediator auf verschiedene Werkzeuge und Denkarten zurück. Auch wenn komplexe Denkvorgänge dabei vermeintlich nicht kompatibel sind, lassen sie sich im Mediationsverfahren zusammenführen. Mediation ermöglicht stimmige Gedankengänge, die die Denkweisen der Medianden in eine Sphäre führt, in der Lösungen gefunden werden können.

Mediatives Denken nach der Phasenlogik ist für viele Menschen ungewohnt, da dadurch das typische lineare Denken unterbrochen wird. Es kann meiner Meinung nach aber auch im Alltag und Berufsleben helfen, Konflikten aus dem Weg zu gehen oder aber Konflikte schnell und effizient zu lösen. Denken Sie mal darüber nach!

Bis zum nächsten Mal und bleiben Sie zuversichtlich!

Ihr Frank Hartung

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