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Welche Vorteile die kognitive Verhaltenstherapie in der Mediation haben kann

Liebe Leserinnen und Leser!

Die Psychologie spielt in der Mediation eine nicht unwichtige Rolle. Mediatoren müssen sich auf die psychische Konstitution ihrer Medianden einlassen und bei Interventionen oder Anregungen auch darauf eingehen. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: Mediation hat eigentlich nichts mit Psychotherapie zu tun, sondern eher mit der Persönlichkeitsentwicklung. Aber dennoch lassen sich oft Erkenntnisse aus der psychologischen Praxis auch auf die kommunikativen Elemente im Mediationsverfahren übertragen. Als besonders interessant empfinde ich die kurz KVT genannte kognitive Verhaltenstherapie, die ich Ihnen heute näher darlegen möchte.

 

Kognitive Verhaltenstherapie – der Wandel von negativ zu positiv

In der kognitiven Verhaltenstherapie wird vom Grundsatz ausgegangen, dass die Gedanken die Stimmung und die Gefühle beeinflussen. Im Umkehrschluss bedeutet dies dann also auch, dass jeder durch die Kraft seiner Gedanken sein Verhalten und seine Gefühle verändern kann. Entwickelt wurde die kognitive Verhaltenstherapie im Jahr 1960 durch den Psychiater Aaron Beck, der damit Depressionen behandeln wollte. Er hat nämlich erkannt, dass Menschen mit Depressionen dazu neigen, negativ über sich selbst sowie über andere zu denken und auch verschiedenen Verzerrungen zu unterliegen.

Die kognitive Verhaltenstherapie ist sehr erfolgreich und anerkannt. Ihre Wirksamkeit wird von vielen Studien bestätigt. Dies gilt nicht nur bei der Behandlung von Depressionen, sondern beispielsweise auch bei

  • Angststörungen, um negative Gedankenspiralen zu durchbrechen
  • chronische Schmerzzustände, um Akzeptanz und eine andere Perspektive in Bezug auf Schmerzen zu bewirken
  • PTB Posttraumatische Belastungsstörungen, um Symptome wirkungsvoll zu lindern
  • Essstörungen, um unterschwellige Verzerrungen des Selbstbildes zu lösen
  • Substanzmissbrauch, um Abhängigkeiten und Verlangen nebst Begleiterscheinungen zu reduzieren
  • Beziehungsprobleme, um den zwischenmenschlichen Umgang zu verbessern

Außerdem wird die kognitive Verhaltenstherapie bei Phobien, Angstzuständen sowie bipolaren Störungen, Panikstörungen und Zwangsstörungen angewendet.

 

So funktioniert die KVT

In der kognitiven Verhaltenstherapie wird vermittelt, wie man festgefahrene negative Denkmuster durch neue und positive ersetzt.


Ein Beispiel:
Im Bus bekommen Sie Getuschel von zwei Personen mit, die in Ihre Richtung gucken. Ihr erster Gedanke ist vielleicht, dass über Sie gelästert wird. Dieser negative Gedankengang verunsichert Sie und löst Gefühle wie Scham oder Ärger aus. In der KVT würde nun gelehrt, wie man diesen ersten negativen Gedanken ganz austauschen kann. Es könnte beispielsweise gedacht werden, dass sich die beiden Personen vielleicht ein Geheimnis erzählen oder etwas ganz anderes gemeint ist, was in unmittelbarer Nähe zum Sitzplatz stattfindet.

Bei der KVT liegt der Fokus also auf der Wahrnehmung und Identifizierung dieser Denkmuster und wie sie sich auf Stimmungen, Beziehungen und das Leben auswirken. Keinesfalls geht es um andere Erlebnisse in der Vergangenheit oder Kindheitstraumata.

In der Praxis gehen Therapeuten verschiedene Vorgänge durchgehen, um Verhalten und Denkmuster zu identifizieren. Und hierfür nutzen Therapeuten verschiedene Maßnahmen oder Übungen, die auch in der Mediation Anwendung finden:

  • Rollenspiele
    Durch das Spielen von erdachten Szenarien können sich Patienten oder Medianden auf Situationen vorbereiten, die mit Ängsten oder anderen negativen Gefühlen verbunden sind. Hier werden Fähigkeiten im Bereich soziale Kompetenzen, Kommunikation und Konfliktlösung geschult.

  • Kognitive Umstrukturierung
    Hierbei werden negative Denkmuster aufgespürt, erkannt und verändert.

  • Angeleitete Entdeckungen (sokratischer Dialog)
    Hierbei stellt der Therapeut oder Mediator gezielt Fragen, die zum besseren Verständnis der eigenen Gedankengänge beitragen sollen.
  • Verhaltensaktivierung: Hier wird Patienten oder Medianden aufgetragen, darauf zu achten, wie der Alltag abläuft und sich auf das Verhalten auswirkt. Es sollen ganz gezielt sinnvolle, ermächtigende und Spaß bringende Aktivitäten in den Alltag integriert werden.

  • Entspannungsübungen
    Hier werden Atem- und Muskelübungen gelehrt, die das Gefühl von Kontrolle vermitteln und negative Gedanken reduzieren können.

  • Sukzessive Approximation
    Bei diesen Übungen wird vermittelt, wie überwältigend erscheinende Aufgaben in kleinere Teilbereiche aufgeteilt werden, damit ihre Erledigung besser gelingt. Patienten erhalten dadurch mehr Selbstbewusstsein und verlieren ihre Ängste.

    Konfrontationstherapie
    Diese Übungen gehören zu den bekanntesten Maßnahmen in der KVT. Hier sollen sich Patienten mit professioneller Unterstützung zur Gefühlskontrolle ihren Ängsten stellen, diese besser verstehen und dann überwinden; beispielsweise durch das Anfassen einer Spinne bei Arachnophobie.

  • Verhaltensexperimente
    Bei dieser Übung sollen sich Patienten eine Situation vorstellen und darüber nachdenken, wie diese ausgehen wird. Im Nachhinein wird dann geprüft, ob sich dann auch alles so abgespielt hat wie in der Vorstellung.

In der kognitiven Verhaltenstherapie werden Patienten zusätzlich „Hausaufgaben“ gegeben. Häufig soll ein Tagebuch geführt werden, um die erlernten Fähigkeiten auszubauen, zu festigen und im Alltag anzuwenden. Die kognitive Verhaltenstherapie richtet ihre Wirkung also – ebenso wie die Mediation – auf das aktuelle Leben und die Zukunft. Die Idee dahinter ist, dass Patienten und Medianden lernen, ihr eigener Therapeut oder Mediator zu werden – also im Bereich der Persönlichkeitsentwicklung.

An dieser Stelle muss jedoch aus Gründen der Vollständigkeit darauf hingewiesen werden, dass die kognitive Verhaltenstherapie keine Universallösung darstellt und nicht jedes „Problem“ heilen kann.

 

Denkmuster durchbrechen und andere Perspektiven betrachten

Wahrnehmung, Lernen, Erinnern, Denken und Wissen Sowohl in der kognitiven Verhaltenstherapie als auch im Mediationsverfahren wird sich die Fähigkeit des Menschen zunutze gemacht, dass er generell in der Lage ist, Denkmuster zu durchbrechen und andere Perspektiven anzunehmen. So können negative Emotionen und neutrale oder positive umgewandelt werden, was die zwischenmenschliche Kommunikation erleichtert.

Im Bereich der Mediation hat sich insbesondere das Wissen um den sokratischen Dialog etabliert, der geeignet ist, Menschen eine psychisch gesunde Lebensweise zu vermittelt und ihnen Mut zur Selbstbestimmung zu verleihen. Sie sind dann in der Lage, Lebensinhalte, moralische Normen und Ziele eigenverantwortlich festzulegen. In Konflikten gibt es häufig unterschiedliche Vorstellungen über die Bewältigung von Situationen und Wertvorstellungen. Durch den sokratischen Dialog können Vermutungen hinterfragt und widerlegt werden. Dann ist es auch wieder möglich, gemeinsam konstruktiv an einer Sichtweise zu arbeiten, auf deren Basis die Medianden ihr weiteres Vorgehen und Lösungsmöglichkeiten entwickeln.

Aus diesen Gründen greifen Mediatoren auch gerne auf ihr Wissen aus der kognitiven Verhaltenstherapie zurück, um ihre Medianden auf ihrem Weg zur Konfliktlösung zu unterstützen.

Bis zum nächsten Mal und bleiben Sie wohlauf!

Ihr Frank Hartung

Schweigen ist Silber – Reden ist Gold!
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