
Am 6. September wird in Sachsen-Anhalt ein neuer Landtag gewählt. Schon jetzt ist absehbar, dass es keine gewöhnliche Wahl wird. Die AfD ist stark, die bisherigen Mehrheitsverhältnisse geraten ins Wanken und die politischen Lager stehen sich teilweise ziemlich unversöhnlich gegenüber. Mich beschäftigt dabei weniger, wer nach der Wahl mit wem regieren könnte. Als Mediator interessiert mich eine andere Frage: Warum haben so viele Menschen das Vertrauen in die bisherige Politik verloren und weshalb sehen einige von ihnen ausgerechnet in der AfD eine Alternative? Ich möchte verstehen, was diese Menschen bewegt. Das heißt nicht, dass ich ihre Wahlentscheidung teile. Ich halte die AfD nicht für die Lösung. Ihre Wähler deshalb einfach abzuschreiben, halte ich allerdings genauso für falsch.
Man kann über AfD-Wähler den Kopf schütteln, sie in eine politische Ecke stellen oder ihnen erklären, welche Folgen ihre Stimme haben könnte.
Aus meiner Arbeit als Mediator kenne ich solche Situationen im Kleinen. Wenn ein Konflikt schon lange schwelt, sitzt mir selten jemand gegenüber, der seine eigene Sicht grundsätzlich infrage stellt. Menschen haben etwas erlebt, daraus ihre Schlüsse gezogen und irgendwann ein ziemlich festes Bild davon entwickelt, was schiefläuft und wer dafür verantwortlich ist. Würde ich ihnen zuerst erklären, weshalb sie falschliegen, wäre das Gespräch vermutlich schnell beendet.
Nicht weil ich alles richtig finde, was mir erzählt wird, sondern weil ich wissen möchte, wie mein Gegenüber zu seiner Sicht gekommen ist.
Natürlich gibt es Menschen, die die AfD aus voller politischer Überzeugung wählen. Andere haben irgendwann aufgehört zu glauben, dass sich mit den bisherigen Parteien noch etwas ändert. Sie sorgen sich um die wirtschaftliche Entwicklung, ärgern sich über den Umgang mit Migration oder erleben Bürokratie ganz konkret im eigenen Alltag. Manche haben einfach das Gefühl, dass ihre Sorgen zwar regelmäßig zur Kenntnis genommen werden, sich danach aber wenig ändert.
Ob ich diese Einschätzungen teile, ist zunächst gar nicht entscheidend. Aber sie beeinflussen Wahlentscheidungen. Wer Menschen politisch zurückgewinnen möchte, kommt deshalb nicht darum herum, sich mit diesen Erfahrungen zu beschäftigen.
Bis hierhin kann ich vieles nachvollziehen. Bei der politischen Schlussfolgerung gehe ich allerdings nicht mit.
Ich halte die AfD nicht für die Lösung der Probleme, über die ihre Wähler sprechen. Und damit will ich diese Probleme keineswegs kleinreden. Sachsen-Anhalt und Deutschland haben genügend davon: die wirtschaftliche Entwicklung, fehlende Investitionen, Schulen, medizinische Versorgung, Bürokratie, Migration oder die Zukunft vieler ländlicher Regionen. Wer davon unmittelbar betroffen ist, darf unzufrieden sein und darf von der Politik erwarten, dass sie sich darum kümmert.
In festgefahrenen Konflikten beobachte ich häufig, wie attraktiv irgendwann eine einfache Erklärung wird. Wenn erst einmal feststeht, wer schuld ist, scheint vieles übersichtlicher. Man muss sich nicht mehr mit all den komplizierten Zusammenhängen beschäftigen. Es gibt einen Verantwortlichen – und damit scheinbar auch einen einfachen Weg aus dem Problem.
Eine schwächelnde Wirtschaft erholt sich nicht, weil wir jemanden dafür verantwortlich gemacht haben. Schwierigkeiten bei Migration und Integration verschwinden nicht mit einer Parole. Und auch Schulen, Unternehmen oder Arztpraxen haben am nächsten Morgen nicht plötzlich mehr Personal.
Probleme zu benennen ist wichtig. Wer politische Verantwortung übernehmen will, muss aber auch sagen, wie er sie lösen möchte. Und genau da zeigt sich, ob aus Kritik tatsächlich Politik werden kann.
Nun wäre es allerdings ziemlich bequem, nur über die AfD und ihre Wähler zu reden. Wenn eine Partei solche Zustimmungswerte erreicht, gehört auch die Frage dazu, wie es überhaupt so weit kommen konnte.
Die Parteien, die in Sachsen-Anhalt und im Bund über viele Jahre Verantwortung getragen haben, müssen sich fragen lassen, weshalb ihnen so viele Menschen nicht mehr zutrauen, die vorhandenen Probleme zu lösen. Es reicht auf Dauer nicht, immer wieder darauf hinzuweisen, weshalb die AfD keine Alternative sei. Wer überzeugen will, muss selbst eine glaubwürdige Alternative anbieten.
Dazu gehört auch, Fehler einzugestehen. Politik kann nicht bei jeder wachsenden Unzufriedenheit nur auf diejenigen zeigen, die davon profitieren. Sie muss sich damit auseinandersetzen, was sie selbst versäumt hat und weshalb Kritik bei manchen Menschen erst dann wahrgenommen zu werden scheint, wenn sie sich in Wahlergebnissen niederschlägt.
Mit der Begründung, die AfD „nur aus Protest“ zu wählen, habe ich deshalb meine Schwierigkeiten. Auf dem Wahlzettel gibt es keine Proteststimme mit eingeschränkter Wirkung. Eine Stimme bleibt eine Stimme und hat politische Folgen.
Wer sein Kreuz setzt, sollte sich deshalb nicht nur fragen, welche Partei den eigenen Ärger am besten ausdrückt. Entscheidend sollte auch sein, wem man tatsächlich zutraut, Verantwortung für ein Land zu übernehmen.
Für mich ist das kein Widerspruch. Ich kann jemandem lange zuhören, seine Beweggründe verstehen und ihm am Ende trotzdem sagen: Ich sehe das anders.
Menschen verstehen irgendwann besser, warum die andere Seite so reagiert hat. Sie müssen deren Sicht deshalb noch lange nicht übernehmen. Manchmal bleibt der Widerspruch bestehen. Aber man streitet anschließend über die Sache und nicht mehr darüber, ob der andere überhaupt ernst zu nehmen ist.
Ich kann nachvollziehen, dass jemand von politischen Entscheidungen enttäuscht ist oder das Vertrauen in die bisherigen Parteien verloren hat. Daraus folgt für mich aber nicht, dass die AfD die richtige Antwort ist.
Gerade wer mit der Entwicklung unseres Landes unzufrieden ist, sollte sehr genau hinschauen, wem er seine Stimme gibt. Nicht nur: Wer spricht meinen Ärger aus? Sondern auch: Was kommt danach? Wie realistisch sind die vorgeschlagenen Lösungen? Was passiert, wenn aus Opposition plötzlich Verantwortung wird?
Regieren bedeutet, Interessen gegeneinander abzuwägen, Kompromisse einzugehen und Entscheidungen zu treffen, bei denen fast nie alle zufrieden sind. Das ist mühsamer als Protest. Aber genau daran sollte sich eine Partei messen lassen, die beansprucht, es besser zu können.
Bei all den Diskussionen über Umfragen und mögliche Mehrheiten gerät etwas leicht aus dem Blick:
Der Nachbar bleibt der Nachbar. Die Kollegen treffen sich wieder auf der Arbeit. In Familien werden Menschen am selben Tisch sitzen, die ihr Kreuz an völlig unterschiedlichen Stellen gemacht haben. Daran ändert auch ein Wahlergebnis nichts.
Ihre Unzufriedenheit verschwindet dadurch nicht. Im Gegenteil, vermutlich werden die Fronten dadurch noch härter.
Wer eine politische Entscheidung trifft, muss damit leben können, dass andere diese Entscheidung kritisieren. Respekt vor einem Menschen bedeutet nicht, seine Überzeugungen teilen oder unwidersprochen lassen zu müssen.
Und was machen wir selbst? Im Grunde können wir morgen damit anfangen.
Wenn im Freundeskreis, am Arbeitsplatz oder in der Familie über die Wahl gesprochen wird und uns eine Meinung ärgert, müssen wir nicht sofort mit dem Gegenargument antworten.
Dann wird aus „den AfD-Wählern“ plötzlich wieder der Mensch, der vor einem sitzt. Vielleicht überzeugt uns seine Antwort nicht. Dann dürfen wir das auch sagen.
Zuhören verlangt nicht, alles unwidersprochen stehen zu lassen. Es macht aber einen Unterschied, ob ich meinem Gegenüber sage, warum ich seine Aussage für falsch halte, oder ob ich ihn als Person abwerte.
Die AfD ist nicht zufällig so stark geworden. Wer daran etwas ändern möchte, sollte sich mit den Gründen beschäftigen, statt ihre Wähler pauschal abzuschreiben. Dazu gehört auch die unbequeme Frage, was die bisherige Politik dazu beigetragen hat, dass so viel Vertrauen verloren gegangen ist.
Das ändert nichts an meiner persönlichen Schlussfolgerung: Für mich ist die AfD keine Lösung.
Ich kann den Ärger eines Menschen verstehen und seine Wahlentscheidung trotzdem für falsch halten. Vielleicht müssen wir wieder besser damit umgehen können, dass jemand eine völlig andere politische Meinung hat. Wir können widersprechen, ohne das Gespräch deshalb abzubrechen.
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