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Vergeben & Vergessen – ist das wirklich so einfach?

Liebe Leserinnen und Leser!

Sehr häufig werden wir von unseren Menschen bewusst oder unbewusst verletzt. Es tut uns weh, wenn jemand etwas sagt, was unseren empfindlichsten Nerv trifft. Es macht uns traurig, wenn wir mit Vorwürfen konfrontiert werden, die nicht zutreffen. Oft geschehen diese Zwistigkeiten im Eifer des Gefechts und werden schnell durch eine Entschuldigung aufgefangen. Natürlich neigen wir dann dazu, „Schwamm drüber!“ oder „schon in Ordnung!“ zu sagen. Aber haben wir in diesem Moment denn wirklich schon verziehen? Wahrscheinlich nicht!

Die Sache mit dem Vergeben und Vergessen ist nur bei Kleinigkeiten einfach, die schon kurz nach dem Vorfall im Alltagstrubel untergehen. Tiefe Verletzungen können hingegen regelrecht umschlagen und aufzehren. Oft suchen wir die Schuld bei uns, dass wir eine solche Verletzung überhaupt zugelassen haben. Sie kennen das bestimmt auch: im Nachhinein denken wir darüber nach, was wir hätten sagen können und welche Argumente treffender gewesen wären. So aber fühlen wir Wut, Trauer, Verzweiflung, Hass, Angst und viele andere negative Emotionen, die unser Leben regelrecht vergiften können. Verweilen wir in diesen inneren Blockaden, verlieren wir automatisch den Glauben in unsere Mitmenschen; und leider auch in uns selbst.

Aber, und jetzt kommt die frohe Botschaft: Vergeben kann man lernen! Durch Vergebung erhalten wir die Chance, wieder Vertrauen in uns selbst und unsere Mitmenschen zu fassen. Die vormals negativen Gefühle wandeln sich in Hoffnung, Neugierde, positives Denken und völlig zu Recht auch ein wenig Stolz. Grundvoraussetzung für den Prozess des Verzeihens ist die Akzeptanz des Schmerzes, der uns zugefügt worden ist. Diese Gefühle müssen zunächst bewusst durchlebt werden, bevor eine Umkehr überhaupt stattfinden kann.

Vergeben und verzeihen – aber nicht vergessen!

Der an der Universität von Wisconsin praktizierende Psychologe und Professor Robert D. Enright widmet sich seit vielen Jahren im Rahmen der physikalischen Therapie der Wirkung von Vergebung auf die Psyche und kommt, wie übrigens auch viele andere anerkannte Wissenschaftler, zu der Erkenntnis, dass Verzeihen gut für die Gesundheit ist. Als erlernbare Tugend ermöglicht Vergebung als eine Form der Selbstheilung sogar, Depressionen, Angststörungen und Wut zu überwinden sowie das Selbstwertgefühl zu verstärken.

Einem anderen Menschen zu verzeihen, bedeutet aber nicht, das Geschehene gänzlich zu vergessen. Es liegt in der Natur des Menschen, dass man sich weiterhin an die Verletzung oder Demütigung erinnert. Wenn wir aber verziehen haben, fühlen sich diese Erinnerungen nicht mehr so quälend an. Entgegen der Annahme vieler Menschen bedeutet Verzeihen auch nicht, dass man das verletzende Verhalten des anderen billigt. Nur wenn ein Mensch etwas verzeiht, heißt er falsches Verhalten nicht automatisch gut! Robert D. Enright ist der Meinung, dass Verzeihen zwar eine Tugend, aber die Billigung von Unrecht unmoralisch ist.

Verzeihen sollte auch nicht der Versöhnung gleichgesetzt werden. Wir können durchaus verzeihen ohne uns versöhnen zu müssen. Der Prozess des Verzeihens findet in unserem Inneren statt; eine Versöhnung ist eine nach außen wirkende Handlung. Das Verzeihen kann jedoch unseren Gerechtigkeitssinn stören. Denn schließlich müssen wir dafür gütig zu jemandem sein, der sich uns gegenüber überhaupt nicht gütig verhalten hat. Wir müssen uns aber von unserem Drang zur Vergeltung lossagen können.

Vergeben und Verzeihen lernen

Vergebungstherapie nach Prof. Enright

Gemeinsam mit seinem Team hat Prof. Enright das „International Forgiveness Institute“ gegründet, um die Wirkung von Vergebung und Verzeihung auf die menschliche Psyche zu untersuchen. In den Studien wurde eine Vergebungstherapie entwickelt und erprobt, mit der psychisch schwer verletzten Menschen geholfen werden soll. Aber auch wenn dieser Weg zur Vergebung ursprünglich für misshandelte Frauen, Kranke, Inzestüberlebende, Drogensüchtige und Hospizbewohner entwickelt worden ist, kann die Therapie auch in unserem Alltag viele Vorteile bieten.

Das Modell für den Weg des Vergebens gliedert sich in vier Abschnitte:

  • Bewusstes Durchleben und akzeptieren von Gefühlen
    Als Betroffene bzw. Verletzte untersuchen wir unsere emotionalen Wunden und deren Folgen. Wir machen uns bewusst, worunter wir leiden. Dabei lassen wir auch Gefühle wie Wut, Hass, Zorn oder Trauer zu.
  • Entscheidung pro Verzeihung und Vergebung
    Wir entwickeln den Wunsch, uns aus diesen alten Verstrickungen zu befreien. Wir möchten diese negativen Gefühle nicht mehr empfinden und entscheiden uns, dass wir uns deshalb auf das Verzeihen und Vergeben mit allen Vorteilen einlassen wollen.

  • Verständnis erarbeiten
    Nach der aktiven Entscheidung, dem „Täter“ zu verzeihen, arbeiten wir an einer neuen Perspektive. Wir beleuchten den Menschen, der uns verletzt hat und versuchen, Verständnis für ihn zu entwickeln.
  • Akzeptanz und Vergebung
    Wir müssen das, was uns angetan wurde, nicht entschuldigen. Wir sollten aber lernen, das uns zugefügte Unrecht unumkehrbar als solches zu akzeptieren. Durch diese Gedankengänge fällt es uns auch leichter, auf Reaktionen wie Angriff, Rückzug oder Rache zu verzichten. Dann nämlich begreifen und erfassen wird, wie gut es uns tut, negative Gefühle samt Verhaltensweisen loszulassen und sie durch Wohlwollen, Großzügigkeit und Mitgefühl zu ersetzen.

Vergebung gegen Vergiftung

Seelische Verletzungen entfalten ihre toxische Wirkung im Verborgenen. Über einen längeren Zeitraum wirken sie wie ein Gift, schaukeln sich hoch und gehören mit zu den Ursachen für unsere persönlichen Konflikte und Probleme in der Zukunft. Bleiben Kränkungen und seelische Leiden „unverdaut“, äußern sie sich irgendwann später einmal als manifestierte Blockade.

Es liegt also nahe, das Verzeihen und Vergeben zu üben, um weiter über sich hinauszuwachsen. Denn dieser Lernprozess kann durchaus als persönliche Entwicklung betrachtet werden. Viele Schritte bei der Vergebung sind anspruchsvoll und schmerzhaft. Teilweise sind sie sogar eine bittere Zumutung, die niemand von heute auf morgen einfach mal so überwinden kann. Vergebung kostet Zeit; sehr viel Zeit! Niemand darf davon ausgehen, dass Verzeihen auf Anhieb klappt. In diesem Prozess wechseln sich Fortschritte mit Rückfällen ab.

Prof. Enright betrachtet in diesem Stadium die Vergebung als Ziel, das ständig in Bewegung ist. Mal ist die Vergebung zum Greifen nah und nur wenige Gedankengänge weiter fast schon wieder unerreichbar. Hier heißt es dann dranbleiben und nicht aufgeben. Irgendwann kommt die Erkenntnis, dass die Bedenken an Gewicht verlieren und die schmerzhaften Emotionen durch schöne Empfindungen ersetzt werden können.

Versuchen Sie es doch auch mal!

Bis zum nächsten Mal und passen Sie auf sich auf!

Ihr Frank Hartung

Die Beziehungsphasen in der Paarmediation

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