
In Konflikten kann ein einzelner Satz, ein Blick oder eine beiläufige Geste plötzlich enorme Bedeutung bekommen. Wir beobachten genauer, interpretieren stärker und sind uns manchmal erstaunlich sicher, zu wissen, was der andere damit gemeint hat. Der sogenannte Scheinwerfer-Effekt zeigt, wie sehr unsere Aufmerksamkeit beeinflusst, was wir wahrnehmen – und was wir dabei möglicherweise übersehen.
Konflikte verändern unsere Wahrnehmung. Ein Satz, der in einer entspannten Situation vielleicht kaum Beachtung gefunden hätte, kann plötzlich großes Gewicht bekommen. Ein Blick, ein kurzes Schweigen, eine bestimmte Betonung oder eine beiläufige Bemerkung bleiben hängen. Wir beschäftigen uns damit und fragen uns vielleicht noch Stunden oder Tage später: Warum hat er das gesagt? Was wollte sie mir damit zeigen? Was denken die anderen jetzt über mich?
Je angespannter eine Situation ist, desto stärker kann sich unsere Aufmerksamkeit auf einzelne Momente richten. Anderes tritt dagegen in den Hintergrund. Ein psychologisches Phänomen, das dabei eine Rolle spielen kann, ist der sogenannte Scheinwerfer-Effekt.
Ursprünglich beschreibt er unsere Neigung, zu überschätzen, wie stark andere Menschen uns, unser Verhalten oder vermeintliche Fehler wahrnehmen. Ein eigener Fehler, eine ungeschickte Bemerkung oder eine vermeintliche Auffälligkeit erscheint uns selbst oft wesentlich deutlicher, als sie von unserer Umgebung tatsächlich wahrgenommen wird.
Das Bild eines Scheinwerfers beschreibt diesen Vorgang recht gut. Was in seinem Lichtkegel liegt, sehen wir besonders deutlich. Was außerhalb liegt, nehmen wir weniger wahr.
In Konflikten kann sich diese ohnehin selektive Wahrnehmung noch verstärken. Wer sich angegriffen, enttäuscht oder nicht ernst genommen fühlt, beobachtet das Gegenüber häufig besonders aufmerksam. Eine Bemerkung, ein Gesichtsausdruck oder auch ein Schweigen kann dann schnell zum Beleg für etwas werden, das man ohnehin schon vermutet: Sie respektiert mich nicht. Er hört mir sowieso nicht zu. Ihm ist völlig egal, was ich denke.
Die Beobachtung dahinter kann durchaus stimmen. Schwieriger wird es, wenn wir aus ihr unmittelbar ableiten, die Absichten oder Motive des anderen zu kennen.
Stellen wir uns zwei Kollegen in einer Mediation vor. Einer schildert ausführlich, warum er sich bei einem gemeinsamen Projekt übergangen gefühlt hat. Währenddessen schaut der andere mehrfach auf die Uhr.
„Genau das meine ich. Es interessiert ihn überhaupt nicht, was ich zu sagen habe.“
Vielleicht hat er recht. Vielleicht hat der andere tatsächlich keine Geduld mehr. Es könnte aber ebenso sein, dass er einen wichtigen Anschlusstermin hat, nervös ist oder schlicht aus Gewohnheit auf die Uhr schaut.
In einer Mediation würde mich an dieser Stelle zunächst interessieren, was tatsächlich passiert ist und was der Betroffene daraus geschlossen hat. Der Blick auf die Uhr lässt sich beobachten. Dass der Kollege kein Interesse hat, ist bereits eine Interpretation dieses Verhaltens.
Aus einzelnen Erfahrungen entstehen mit der Zeit Geschichten über den anderen. Wer mehrfach das Gefühl hatte, nicht ernst genommen worden zu sein, wird sensibler für alles, was dieses Gefühl erneut bestätigt. Irgendwann braucht es dafür möglicherweise gar keine eindeutige Äußerung mehr. Ein Blick oder eine kleine Geste genügt.
Das heißt nicht, dass die Wahrnehmung falsch ist. Sie ist zunächst die Wahrnehmung dieses Menschen. Aber sie ist eben noch nicht zwangsläufig die ganze Geschichte.
Während eines Konflikts beobachten Menschen nicht nur das Gegenüber. Häufig beobachten sie auch sich selbst.
Habe ich mich gerade schlecht ausgedrückt? War meine Reaktion überzogen? Halten die anderen mich jetzt für schwierig? Und in einer Mediation vielleicht auch: Was denkt der Mediator gerade über mich?
Das sollte man nicht unterschätzen. Eine Mediation ist für die Beteiligten keine alltägliche Gesprächssituation. Sie sprechen über Dinge, die sie beschäftigen, manchmal verletzt oder wütend gemacht haben. Gleichzeitig sitzt ihnen nicht nur die andere Konfliktpartei gegenüber, sondern auch ein Mediator, den sie möglicherweise noch kaum kennen.
Da kann schnell die Sorge entstehen, bewertet zu werden.
Für mich als Mediator ist deshalb wichtig, einen Gesprächsrahmen zu schaffen, in dem die Beteiligten nicht ständig darüber nachdenken müssen, wie sie gerade auf mich wirken. Ich muss nicht entscheiden, wer von beiden der vernünftigere, sympathischere oder schwierigere Mensch ist. Mich interessiert, wie beide die Situation erleben und was sie benötigen, um miteinander weiterzukommen.
Das verändert auch den Umgang mit vermeintlich „ungeschickten“ Äußerungen. Nicht jeder Satz muss wohlüberlegt sein. Manchmal steckt gerade in einem spontanen oder emotionalen Satz etwas, über das es sich zu sprechen lohnt.
Wenn jemand in einer Mediation sagt: „Sie nimmt mich überhaupt nicht ernst“, würde ich diesen Satz nicht korrigieren. Für die betreffende Person beschreibt er schließlich etwas sehr Reales.
Ich würde aber vermutlich nachfragen: Woran haben Sie das gemerkt?
Vielleicht lautet die Antwort: „Während ich gesprochen habe, hat sie mehrmals weggesehen.“
Damit haben wir etwas, worüber sich anders sprechen lässt. Wir kennen jetzt die konkrete Beobachtung und gleichzeitig die Bedeutung, die sie für einen der Beteiligten bekommen hat. Nun kann auch die andere Seite schildern, wie sie diesen Moment erlebt hat.
Möglicherweise sagt sie: „Ich habe weggesehen, weil ich gemerkt habe, dass ich wütend werde und nicht sofort etwas Falsches sagen wollte.“
Damit bekommt dieselbe Handlung zumindest eine weitere mögliche Erklärung.
Ob diese Erklärung stimmt, muss der Mediator nicht entscheiden. Interessanter ist zunächst, dass die Situation nun nicht mehr ganz so eindeutig erscheint. Beide können darüber sprechen, was tatsächlich geschehen ist und was es jeweils für sie bedeutet hat.
Es geht dabei nicht darum, den Beteiligten ihre Wahrnehmung auszureden. Ein Mensch, der sich nicht respektiert fühlt, fühlt sich nicht plötzlich respektiert, nur weil der Mediator ihm eine andere Erklärung anbietet.
Viel hilfreicher ist es, gemeinsam genauer hinzusehen. Dabei kann zunächst geklärt werden, was tatsächlich geschehen ist und welche Bedeutung die Situation für den Betroffenen bekommen hat. Danach lässt sich schauen, ob es vielleicht noch eine andere Erklärung gibt und wie das Gegenüber denselben Moment erlebt hat.
Manchmal verändert sich dadurch gar nicht sofort viel. Auch das gehört dazu. Menschen geben eine über längere Zeit entstandene Sicht auf einen Konflikt nicht auf, nur weil eine einzige Frage gestellt wurde.
Aber vielleicht wird aus dem sicheren „So ist es“ irgendwann ein „Vielleicht gibt es noch etwas, das ich bisher nicht gesehen habe.“
Dabei wäre es zu einfach, den Scheinwerfer-Effekt nur bei den Konfliktparteien zu suchen. Auch ich als Mediator sitze nicht frei von Wahrnehmungen und spontanen Bewertungen am Tisch.
Natürlich nehme ich wahr, wer mir gerade plausibler erscheint. Eine Aussage kann mich überzeugen, eine andere irritieren. Vielleicht empfinde ich eine Reaktion als unangemessen oder ertappe mich bei dem Gedanken, dass eine Partei doch eigentlich nur einen kleinen Schritt auf die andere zugehen müsste.
Das passiert.
Professionelle Allparteilichkeit bedeutet für mich deshalb nicht, solche Gedanken und Gefühle nicht haben zu dürfen. Entscheidend ist, ob ich sie bemerke und was ich anschließend damit mache.
Wenn mich eine Aussage besonders beschäftigt oder ich merke, dass meine Aufmerksamkeit immer wieder bei einer der beiden Parteien landet, sollte ich mich fragen, warum das so ist. Liegt es tatsächlich an dem, was gerade im Raum geschieht? Oder spricht mich etwas besonders an, weil es an eigene Erfahrungen, Vorstellungen oder Werte anknüpft?
Auch ein Mediator kann seinen Scheinwerfer zu lange auf dieselbe Stelle richten und dabei anderes übersehen.
Gerade deshalb gehört für mich Selbstreflexion zur Mediation. Allparteilichkeit ist kein Zustand, den man zu Beginn einer Mediation einschaltet und anschließend besitzt. Sie muss während des gesamten Prozesses immer wieder überprüft werden.
Der Scheinwerfer-Effekt erinnert uns an etwas, das in Konflikten leicht verloren geht: Wahrnehmung und Wirklichkeit sind nicht dasselbe.
Das bedeutet nicht, dass wir unserer Wahrnehmung misstrauen müssen. Ohne sie könnten wir uns in unserer Umwelt kaum orientieren. Aber wir können uns bewusst machen, dass wir auswählen. Wir achten auf bestimmte Dinge stärker als auf andere, verbinden sie mit Erfahrungen und geben ihnen eine Bedeutung.
Im Konflikt kann dieser Lichtkegel sehr eng werden. Dann scheint ein bestimmter Satz plötzlich alles über den anderen zu sagen. Eine Geste bestätigt, was wir längst vermutet haben, und irgendwann sehen wir vor allem noch das, was in die Geschichte passt, die wir uns über den Konflikt erzählen.
Mediation kann diesen Blick wieder etwas öffnen. Dabei muss gar nicht geklärt werden, welche Wahrnehmung nun die „richtige“ ist. Interessanter ist, ob neben der eigenen Sicht auch eine andere stehen kann.
Der Scheinwerfer bleibt dabei eingeschaltet. Aber vielleicht fällt sein Licht irgendwann auch auf etwas, das vorher im Dunkeln lag.
Für mich liegt darin eine wichtige Aufgabe der Mediation. Nicht jede Wahrnehmung muss korrigiert und nicht jede unterschiedliche Sichtweise aufgelöst werden. Manchmal reicht es schon, die Gewissheit darüber zu verlieren, dass eine Situation nur so gewesen sein kann, wie ich sie erlebt habe.
Das gilt übrigens auch für mich als Mediator. Auch mein Blick ist selektiv, und auch ich kann Dinge übersehen. Allparteilichkeit bedeutet deshalb nicht, frei von eigenen Wahrnehmungen oder Bewertungen zu sein. Sie verlangt vielmehr, sich ihrer bewusst zu werden und immer wieder zu prüfen, welchen Einfluss sie auf die Mediation haben.
Vielleicht ist deshalb eine Frage nicht nur für Konfliktparteien interessant, sondern auch für Mediatoren:
Was würde ich sehen, wenn ich meinen Scheinwerfer ein kleines Stück zur Seite bewege?
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