
In einer Mediation geht es häufig um Dinge, über die niemand lachen kann. Verletzungen, Enttäuschungen, Vorwürfe oder die Sorge darüber, wie es weitergehen soll, sind für die Beteiligten real. Und trotzdem passiert es: Mitten in einem ernsten Gespräch muss jemand schmunzeln. Die andere Seite lächelt ebenfalls – und für einen kurzen Moment fühlt sich der Konflikt etwas weniger schwer an.
Solche Momente können einer Mediation guttun. Schwieriger wird es, wenn der Humor nicht zwischen den Beteiligten entsteht, sondern vom Mediator bewusst eingesetzt wird. Denn was für einen Menschen befreiend wirkt, kann für einen anderen genau im falschen Moment kommen. Humor kann in einer Mediation Raum schaffen. Er kann diesen Raum aber auch sehr schnell wieder schließen.
Manchmal entsteht Humor ganz von selbst. Jemand erzählt eine Situation, bemerkt dabei vielleicht eine gewisse Absurdität und muss lachen. Vielleicht erkennt auch die andere Seite etwas darin wieder. Für einen Augenblick stehen sich dann nicht nur zwei Konfliktparteien gegenüber, sondern zwei Menschen, die über dieselbe Situation schmunzeln können. Der Konflikt ist dadurch nicht gelöst. Auch Verletzungen oder unterschiedliche Interessen verschwinden nicht. Aber möglicherweise verändert sich der Blick darauf. Was eben noch vollkommen festgefahren erschien, bekommt etwas Abstand. Solche Augenblicke muss ein Mediator nicht herstellen. Manchmal reicht es, sie nicht sofort wieder mit der nächsten Frage zu beenden.
Wenn von Humor in der Mediation gesprochen wird, entsteht schnell das Bild eines Mediators, der an der richtigen Stelle einen guten Witz erzählt und damit die Stimmung auflockert. Genau dabei wäre ich vorsichtig. Eine Mediation ist keine Veranstaltung, die unterhaltsamer werden muss. Humor kann viel leiser sein. Er kann in einer unerwarteten Formulierung liegen, in Selbstironie, in einer gemeinsam bemerkten Absurdität oder in einem kurzen Lächeln über etwas, das allen Beteiligten gerade auffällt. Entscheidend ist weniger, ob etwas objektiv lustig ist. Entscheidend ist, was in diesem Moment zwischen den Menschen geschieht.
Diese Frage halte ich für wichtiger als die Frage, ob Humor grundsätzlich in eine Mediation gehört. Lachen die Beteiligten miteinander über eine Situation, kann daraus für einen Moment Gemeinsamkeit entstehen. Lacht dagegen einer über den anderen, kann genau das Gegenteil passieren.
Das gilt auch für den Mediator. Ein scherzhafter Kommentar über eine Position, eine Reaktion oder ein Verhalten mag harmlos gemeint sein. Für den Betroffenen kann er trotzdem wie eine Bewertung wirken. Besonders problematisch wird es, wenn nur eine Konfliktpartei lacht und die andere zum Gegenstand des Humors wird. Dann schafft Humor keine Distanz zum Konflikt, sondern möglicherweise neue Nähe zwischen zwei Personen auf Kosten der dritten.
Ich würde darauf nicht mit einem einfachen Ja oder Nein antworten. Natürlich bringt auch ein Mediator seine Persönlichkeit mit in das Gespräch. Dazu kann Humor gehören. Eine vollkommen humorfreie Rolle wäre genauso künstlich wie der Versuch, im Gespräch unbedingt lustig sein zu wollen.
Sobald Humor jedoch gezielt als Intervention eingesetzt wird, verändert sich etwas. Der Mediator tut dann nicht nur etwas Humorvolles, sondern verfolgt damit eine Absicht: Spannung lösen, einen Perspektivwechsel anregen oder eine festgefahrene Situation verändern. Damit steigt aber auch das Risiko, die Situation falsch einzuschätzen. Denn der Mediator weiß zwar, was er mit seinem Humor erreichen möchte. Er weiß aber nicht sicher, wie die Beteiligten ihn erleben werden. Einen Ansatz, der bewusst auch mit ungewöhnlichen und irritierenden Interventionen arbeitet, beschreibe ich im Beitrag über die transgressive Mediation.
Ich halte wenig davon, bestimmte Phasen einer Mediation pauschal als humorfreundlich und andere als humorfreie Zonen zu betrachten. Menschen reagieren nicht nach einem Phasenmodell. Was in einem Gespräch völlig selbstverständlich wirkt, kann in einem anderen an derselben Stelle unpassend sein.
Wichtiger ist die konkrete Situation. In einem angespannten Gespräch, in dem sich jemand noch nicht einmal mit seinem Anliegen ernst genommen fühlt, kann derselbe humorvolle Satz völlig anders wirken als in einem Gespräch, in dem bereits Vertrauen entstanden ist. Und es macht einen Unterschied, ob der humorvolle Moment aus dem Gespräch heraus entsteht oder vom Mediator hineingetragen wird. Je stärker der Mediator ihn selbst erzeugt, desto genauer sollte er wissen, warum er das tut.
Für Außenstehende können manche Konflikte erstaunlich banal wirken. Für die Menschen, die darin stecken, sind sie es meistens nicht. Wer seit Monaten mit seinem Nachbarn über einen Zaun streitet, streitet möglicherweise längst nicht mehr nur über einen Zaun. Wer sich am Arbeitsplatz über eine scheinbar nebensächliche Bemerkung aufregt, reagiert vielleicht auf etwas, das sich über lange Zeit aufgebaut hat. Humor wird problematisch, wenn er vermittelt: So schlimm ist das doch alles gar nicht. Auch ein gut gemeinter Versuch, die Situation leichter zu machen, kann dann als Bagatellisierung ankommen. Bevor über einen Konflikt gelacht werden kann, müssen die Beteiligten erleben können, dass er zunächst ernst genommen wird.
Auch ein erfahrener Mediator kann eine Situation falsch einschätzen. Entscheidend ist dann nicht, den eigenen Scherz zu erklären oder den Beteiligten davon zu überzeugen, dass er doch eigentlich harmlos gemeint war. Wenn Humor verletzt, irritiert oder falsch verstanden wurde, gehört auch diese Reaktion in das Gespräch.
Ein einfaches Eingeständnis kann dann professioneller sein als jede Rechtfertigung: Das war an dieser Stelle unpassend. Damit macht sich ein Mediator nicht unglaubwürdig. Im Gegenteil: Er zeigt, dass auch seine eigenen Interventionen nicht über der Wahrnehmung der Beteiligten stehen. Genau diese Selbstreflexion gehört für mich zur professionellen Haltung eines Mediators.
Ich mag Humor und halte ihn auch in einer Mediation nicht für fehl am Platz. Aber vielleicht liegt gerade darin die wichtigste Grenze: Humor sollte nicht gebraucht werden, um eine Mediation in eine bestimmte Richtung zu bewegen. Er darf entstehen, begleiten, manchmal Abstand schaffen und gelegentlich eine andere Sicht auf eine festgefahrene Situation ermöglichen. Der schönste humorvolle Moment ist für mich deshalb nicht der besonders gelungene Scherz des Mediators. Es ist der Moment, in dem Menschen, die sich gerade noch unversöhnlich gegenüberstanden, plötzlich gemeinsam über etwas lachen können – und der Mediator für diesen Augenblick gar nichts tun muss.
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