
Ein Versprechen wird gegeben und später nicht eingehalten. Eine Entscheidung, die gestern noch feststand, gilt heute plötzlich nicht mehr. Jemand sucht Nähe und zieht sich kurz darauf wieder zurück. Solche Widersprüche erleben wir im privaten wie im beruflichen Alltag.
Schwierig wird es, wenn sie sich wiederholen. Dann beginnen wir, das Verhalten des anderen nicht nur wahrzunehmen, sondern zu erklären: Auf ihn ist kein Verlass. Sie weiß selbst nicht, was sie will. Er macht das mit Absicht. Vielleicht stimmt eine dieser Erklärungen. Vielleicht aber auch nicht. Denn zwischen dem Verhalten, das wir beobachten können, und den Gründen dafür liegt ein Bereich, über den wir zunächst erstaunlich wenig wissen. Gerade dort können Konflikte entstehen.
Von inkonsistentem Verhalten sprechen wir, wenn Aussagen, Entscheidungen oder Handlungen eines Menschen nicht oder nur schwer miteinander vereinbar erscheinen. Jemand sagt beispielsweise, dass ihm eine gute Zusammenarbeit wichtig sei, beteiligt sich aber kaum an gemeinsamen Absprachen. Eine Führungskraft fordert selbstständige Entscheidungen, greift jedoch regelmäßig ein, sobald Mitarbeiter tatsächlich eigenständig handeln. In einer Partnerschaft verspricht jemand, künftig offener über Probleme zu sprechen, zieht sich beim nächsten Konflikt aber wieder zurück.
Für denjenigen, der dieses Verhalten erlebt, entsteht ein Widerspruch: Was gilt denn nun? Inkonsistenz bedeutet dabei nicht automatisch, dass jemand unehrlich ist oder bewusst täuscht. Menschen können ihre Meinung ändern. Situationen verändern sich. Wir überschätzen manchmal unsere Möglichkeiten, sagen etwas vorschnell zu oder merken erst später, dass wir mit einer Entscheidung nicht zurechtkommen. Problematisch wird es vor allem dann, wenn solche Veränderungen für andere nicht nachvollziehbar sind.
Wenn Worte und Handlungen nicht zusammenpassen, suchen wir nach einer Erklärung. Das ist zunächst nachvollziehbar. Wir möchten einschätzen können, woran wir bei einem anderen Menschen sind. Widersprüchliches Verhalten erschwert genau das.
Dabei können ganz unterschiedliche Gründe eine Rolle spielen. Stress und Überforderung können dazu führen, dass jemand eine Zusage nicht einhält. Ein Mensch kann zwischen unterschiedlichen Bedürfnissen schwanken. Vielleicht möchte er einerseits einen Konflikt vermeiden und andererseits seine eigenen Interessen vertreten. Auch Erwartungen anderer, Unsicherheit oder die Sorge vor Konsequenzen können dazu führen, dass jemand anders handelt, als er es zuvor angekündigt hat.
Manchmal wird widersprüchliches Verhalten allerdings tatsächlich bewusst eingesetzt. Zusagen können gemacht werden, um eine unangenehme Situation zunächst zu entschärfen. Entscheidungen können bewusst offengehalten werden. Und Unberechenbarkeit kann auch dazu dienen, Einfluss auf andere auszuüben. Aus dem widersprüchlichen Verhalten allein lässt sich das Motiv allerdings nicht sicher ableiten. Für den weiteren Umgang macht es einen Unterschied, ob ich zunächst nachfrage oder bereits überzeugt bin, die Absicht des anderen zu kennen.
Ein einzelner Widerspruch muss noch keinen Konflikt auslösen. Wiederholt sich das Verhalten jedoch, verändert sich häufig etwas in der Beziehung. Nehmen wir eine Situation aus dem Berufsleben: Ein Vorgesetzter sagt seinem Mitarbeiter: „Entscheiden Sie das ruhig selbst. Sie haben da meine volle Unterstützung.“ Der Mitarbeiter trifft eine Entscheidung. Einige Tage später kritisiert der Vorgesetzte genau diese Entscheidung und erklärt, der Mitarbeiter hätte ihn vorher einbeziehen müssen.
Beim nächsten Mal wird der Mitarbeiter vorsichtiger sein. Vielleicht fragt er nun bei jeder Kleinigkeit nach. Darauf reagiert der Vorgesetzte irgendwann genervt: „Sie müssen auch einmal selbst Verantwortung übernehmen.“ Spätestens jetzt geht es nicht mehr nur um eine einzelne Entscheidung. Der Mitarbeiter weiß nicht mehr, welches Verhalten von ihm tatsächlich erwartet wird. Aus Inkonsistenz entsteht Unsicherheit. Aus wiederholter Unsicherheit kann Misstrauen werden – und Misstrauen verändert wiederum die Kommunikation.
In einer Mediation könnte der Mitarbeiter sagen: „Egal, was ich mache, es ist falsch. Erst soll ich selbst entscheiden und hinterher bekomme ich Ärger dafür.“ Der Vorgesetzte könnte dieselbe Situation vollkommen anders beschreiben: „Natürlich darf er selbst entscheiden. Aber bei einer Entscheidung dieser Größenordnung hätte ich erwartet, dass er mich informiert.“ Beide Aussagen können aus Sicht der Beteiligten plausibel sein.
Vielleicht wurde nie geklärt, was „selbstständig entscheiden“ konkret bedeutet. Vielleicht gibt es unterschiedliche Vorstellungen darüber, bei welchen Entscheidungen Rücksprache notwendig ist. Vielleicht hat der Vorgesetzte seine Erwartungen tatsächlich verändert, ohne das deutlich zu kommunizieren. Oder vielleicht steckt bereits eine längere Konfliktgeschichte dahinter.
Als Mediator müsste ich an dieser Stelle nicht entscheiden, welcher der beiden Beteiligten die Situation „richtig“ beschreibt. Interessanter wäre zunächst, wie aus derselben Situation zwei so unterschiedliche Geschichten entstanden sind.
Menschen beobachten nicht nur Verhalten. Wir geben ihm Bedeutung. Wenn ein Kollege dreimal eine Vereinbarung nicht einhält, denken wir irgendwann vielleicht nicht mehr: Er hat die Vereinbarung nicht eingehalten. Wir denken: Auf ihn kann man sich nicht verlassen. Aus der Beschreibung eines Verhaltens ist eine Aussage über die Person geworden.
Das ist für Konflikte bedeutsam. Denn sobald wir ein bestimmtes Bild vom anderen entwickelt haben, betrachten wir auch neues Verhalten durch dieses Bild. Eine weitere verspätete Antwort bestätigt dann möglicherweise nur noch, was wir ohnehin bereits zu wissen glauben. Das bedeutet nicht, dass wir wiederholte Erfahrungen ignorieren sollten. Wenn jemand Zusagen regelmäßig nicht einhält, darf und sollte das angesprochen werden.
Hilfreich ist aber, zwischen Beobachtung und Bewertung zu unterscheiden. „Wir hatten vereinbart, dass ich die Unterlagen am Montag bekomme. Sie kamen am Donnerstag“ eröffnet ein anderes Gespräch als: „Auf dich ist einfach nie Verlass.“
Wer wiederholt inkonsistentes Verhalten erlebt, muss es nicht einfach hinnehmen. Gerade weil die Ursachen zunächst unklar sind, lohnt es sich jedoch, möglichst konkret darüber zu sprechen. Beschreiben Sie zunächst, was Sie tatsächlich beobachtet haben: Welche Vereinbarung wurde getroffen? Was ist anschließend geschehen? Wo genau liegt für Sie der Widerspruch?
Sprechen Sie anschließend darüber, was dieses Verhalten bei Ihnen auslöst. Vielleicht wissen Sie nicht mehr, woran Sie sind. Vielleicht fällt es Ihnen zunehmend schwer, sich auf Zusagen zu verlassen. Oder Sie beginnen, Entscheidungen des anderen grundsätzlich infrage zu stellen. Fragen Sie auch nach der anderen Perspektive. Ein schlichtes „Was hat sich für dich verändert?“ kann manchmal mehr klären als eine lange Erklärung darüber, warum der andere sich falsch verhalten hat.
Und schließlich dürfen Sie Erwartungen konkretisieren. Statt „Ich möchte, dass du verlässlicher bist“ kann beispielsweise vereinbart werden, dass Änderungen einer Absprache frühzeitig mitgeteilt werden. Verlässlichkeit bedeutet schließlich nicht, niemals eine Entscheidung ändern zu dürfen. Verlässlich kann auch sein, eine Veränderung rechtzeitig und nachvollziehbar zu kommunizieren.
Widersprüchliches Verhalten sehen wir bei anderen meist schneller als bei uns selbst. Dabei kennt vermutlich jeder Situationen, in denen Worte und Handlungen nicht vollständig zusammenpassen. Wir sagen etwas zu und stellen später fest, dass wir es nicht schaffen. Wir möchten offen sein und vermeiden trotzdem ein unangenehmes Gespräch. Wir erwarten von anderen etwas, das wir selbst nicht immer einhalten. Das allein macht einen Menschen nicht unzuverlässig. Die Frage ist vielmehr, wie wir damit umgehen.
Wenn Sie merken, dass Sie eine Zusage nicht halten können, kann es sinnvoll sein, dies anzusprechen, bevor der andere die Folgen bemerkt. Wenn Sie Ihre Meinung geändert haben, erklären Sie, was sich verändert hat. Und wenn Ihnen auffällt, dass bestimmte Widersprüche häufiger auftreten, lohnt sich die Frage, was dahintersteht.
Vielleicht sagen Sie häufiger Ja, obwohl Sie eigentlich Nein meinen. Vielleicht möchten Sie Erwartungen erfüllen, die Sie gar nicht erfüllen können. Oder Sie vermeiden klare Entscheidungen, weil Sie die damit verbundenen Konsequenzen fürchten. Selbstreflexion bedeutet dabei nicht, sich für jeden Widerspruch zu verurteilen. Sie kann helfen zu verstehen, warum das eigene Verhalten für andere schwer vorhersehbar geworden ist.
Nicht jeder Widerspruch braucht professionelle Unterstützung. Häufig reicht ein offenes Gespräch. Eine unklare Erwartung wird geklärt, eine Entscheidung erklärt oder eine Vereinbarung neu getroffen. Schwieriger wird es, wenn sich bereits Misstrauen entwickelt hat.
Dann werden Erklärungen möglicherweise nicht mehr geglaubt. Eine Entschuldigung wird als Ausrede verstanden. Eine veränderte Entscheidung gilt als weiterer Beweis für die Unzuverlässigkeit des anderen. Die Beteiligten sprechen dann zwar noch über einzelne Ereignisse, tatsächlich verhandeln sie aber längst etwas Größeres: Kann ich mich auf dich verlassen? Wirst du mich ernst nehmen? Gilt unsere Vereinbarung morgen noch? Kann ich offen mit dir sprechen?
An diesem Punkt kann ein Konflikt entstehen, der sich durch die nächste Erklärung allein kaum noch lösen lässt.
Mediation kann hilfreich sein, wenn die Beteiligten allein nicht mehr klären können, was zwischen ihnen geschehen ist und wie sie künftig miteinander umgehen wollen. Dabei geht es nicht darum, den „inkonsistenten“ Menschen zu identifizieren und sein Verhalten zu korrigieren. Schon diese Rollenverteilung wäre problematisch. In einem Konflikt erleben die Beteiligten einander häufig gegenseitig als widersprüchlich. Was für den einen wie ein gebrochenes Versprechen aussieht, kann für den anderen eine notwendige Reaktion auf eine veränderte Situation gewesen sein.
In der Mediation kann deshalb zunächst genauer betrachtet werden: Was wurde tatsächlich vereinbart? Was haben die Beteiligten jeweils darunter verstanden? Was ist anschließend geschehen? Und welche Bedeutung hat dieses Verhalten für die andere Seite bekommen? Oft werden dabei Erwartungen sichtbar, die vorher nie ausdrücklich ausgesprochen wurden.
Das kann besonders im beruflichen Umfeld wichtig sein. Führungskräfte und Mitarbeiter können beispielsweise völlig unterschiedliche Vorstellungen von Verantwortung, Entscheidungsspielräumen oder Informationspflichten haben. In Teams können Zuständigkeiten vermeintlich klar sein, obwohl jedes Mitglied etwas anderes darunter versteht. Mediation kann solche Unterschiede sichtbar und besprechbar machen.
Die Vergangenheit lässt sich dadurch nicht verändern. Aber die Beteiligten können Vereinbarungen darüber treffen, wie sie künftig miteinander umgehen wollen: Welche Zusagen gelten? Wie werden Änderungen kommuniziert? Wann ist Rücksprache erforderlich? Und was geschieht, wenn eine Vereinbarung nicht eingehalten werden kann? Aus einem allgemeinen Wunsch nach mehr Verlässlichkeit werden damit konkrete Absprachen.
Nicht jedes inkonsistente Verhalten ist in erster Linie ein Konfliktthema. Wenn ein Mensch selbst unter seinem Verhalten leidet, bestimmte Muster immer wieder erlebt oder den Eindruck hat, sie aus eigener Kraft nicht verändern zu können, können Beratung, Coaching oder – je nach Situation – psychotherapeutische Unterstützung sinnvoll sein. Welche Unterstützung angemessen ist, hängt vom konkreten Problem ab.
Mediation hat eine andere Aufgabe. Sie setzt dort an, wo Menschen miteinander in Konflikt geraten sind und Unterstützung dabei benötigen, ihre unterschiedlichen Sichtweisen, Interessen und Erwartungen zu klären. Diese Abgrenzung finde ich wichtig. Nicht jedes schwierige Verhalten braucht Therapie – und nicht jeder Konflikt braucht Mediation.
Menschen handeln nicht immer widerspruchsfrei. Wir verändern unsere Meinung, schätzen Situationen falsch ein, übernehmen uns oder reagieren anders, als wir es uns vorgenommen hatten. Für Beziehungen wird Inkonsistenz vor allem dann schwierig, wenn der andere nicht mehr weiß, woran er ist.
Deshalb besteht die Lösung nicht darin, von Menschen absolute Widerspruchsfreiheit zu verlangen. Viel wichtiger ist, Veränderungen anzusprechen, Erwartungen zu klären und Verantwortung dafür zu übernehmen, wenn Worte und Handlungen auseinanderfallen.
Wer inkonsistentes Verhalten bei anderen erlebt, sollte es ansprechen dürfen. Aber zwischen „Du hast anders gehandelt, als wir vereinbart hatten“ und „Du bist ein unzuverlässiger Mensch“ liegt ein erheblicher Unterschied. Genau dieser Unterschied kann darüber entscheiden, ob ein Gespräch beginnt – oder ein Konflikt sich weiter verhärtet.
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