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Wo Mediation beginnt hört Rechthaben auf: Von der Konfrontation zur Kooperation

In einem Konflikt recht haben zu wollen, ist zunächst nichts Ungewöhnliches. Wer sich ungerecht behandelt, missverstanden oder verletzt fühlt, möchte häufig, dass die andere Seite erkennt: So, wie ich die Situation sehe, ist es gewesen. Genau daran können Gespräche jedoch festfahren. Denn die andere Seite ist möglicherweise ebenso überzeugt, gute Gründe für ihre Sicht zu haben.

Mediation verlangt nicht, die eigene Überzeugung aufzugeben. Sie stellt aber eine andere Frage in den Mittelpunkt: Muss die andere Seite mir erst recht geben, bevor wir darüber sprechen können, wie es weitergeht? Darin liegt ein entscheidender Unterschied. Rechthaben aufzugeben bedeutet nicht, Recht aufzugeben.

Mediation bei unterschiedlichen Sichtweisen – Konfliktparteien im gemeinsamen Gespräch

 

Warum uns das Rechthaben so wichtig werden kann

Ein Konflikt betrifft selten nur die Sache, über die gerade gestritten wird. Mit der eigenen Position kann die Erfahrung verbunden sein, ernst genommen zu werden, sich verteidigen zu müssen oder nicht ungerecht behandelt werden zu wollen. Wer dann von seiner Position abrückt, kann das schnell als Niederlage empfinden: Wenn ich ihm entgegenkomme, gebe ich damit nicht zu, dass er recht hatte?

So entsteht eine schwierige Verbindung. Die Lösung einer konkreten Frage wird davon abhängig, dass zuvor geklärt wird, wessen Sicht auf den Konflikt die richtige ist. Beide Seiten argumentieren, erklären und widersprechen – häufig mit dem Ziel, den anderen endlich zu überzeugen. Je länger das geschieht, desto weniger geht es möglicherweise darum, was künftig geschehen soll.

 

Zwei unterschiedliche Sichtweisen können nebeneinander bestehen

Menschen erleben Situationen nicht aus derselben Perspektive. Sie achten auf unterschiedliche Dinge, erinnern sich unterschiedlich und bewerten das Erlebte vor dem Hintergrund ihrer eigenen Erfahrungen. Deshalb kann ein Satz, der für den einen beiläufig war, beim anderen lange nachwirken. Eine Entscheidung, die jemand für sachlich notwendig hielt, kann von einem anderen als persönliche Missachtung erlebt worden sein. Das anzuerkennen heißt nicht, jede Darstellung für gleichermaßen richtig zu erklären. Es bedeutet zunächst nur, damit zu rechnen, dass die eigene Wahrnehmung nicht die einzige ist. Für ein Konfliktgespräch kann bereits dieser Perspektivwechsel einen Unterschied machen. Statt ausschließlich darüber zu streiten, welche Version gelten darf, kann die Frage entstehen, welche Bedeutung die unterschiedlichen Sichtweisen für die weitere Verständigung haben.

 

Verstehen ist keine Zustimmung

Gerade in festgefahrenen Konflikten wird Verstehen leicht mit Nachgeben verwechselt. Wer nachfragt, warum der andere so gehandelt hat, stimmt seinem Verhalten jedoch nicht automatisch zu. Wer nachvollziehen kann, weshalb jemand verärgert ist, muss dessen Vorwürfe nicht übernehmen. Und wer die Interessen der anderen Seite kennt, muss die eigenen deshalb nicht zurückstellen. Ich kann also sagen: „Ich verstehe jetzt besser, weshalb Sie das so sehen“ – und trotzdem bei meiner eigenen Bewertung bleiben. Das Gespräch muss dann nicht mehr entscheiden, welche Wahrnehmung verschwinden soll. Es kann sich damit beschäftigen, ob trotz unterschiedlicher Bewertungen etwas vereinbart werden kann.

 

Rechthaben aufzugeben bedeutet nicht, Recht aufzugeben

Der Satz „Wo Mediation beginnt, hört Rechthaben auf“ darf deshalb nicht als Aufforderung verstanden werden, berechtigte Ansprüche, persönliche Grenzen oder rechtliche Positionen preiszugeben. Mediation verlangt keine Nachgiebigkeit. Niemand muss einer Regelung zustimmen, die er nicht mittragen möchte, nur um sich kompromissbereit zu zeigen.

Es kann ebenso sinnvoll sein, sich über die eigene rechtliche Situation beraten zu lassen oder eine Frage außerhalb der Mediation entscheiden zu lassen. Auch ein klares Nein kann das Ergebnis einer sorgfältigen Auseinandersetzung sein. Der Unterschied liegt an einer anderen Stelle: Die eigene Position muss nicht dadurch stärker werden, dass die Sicht des anderen abgewertet wird. Mehr zum Verhältnis von rechtlichen Fragen und Mediation finden Sie unter Recht in der Mediation.

 

Nicht jede Frage muss zwischen richtig und falsch entschieden werden

Wer einen Konflikt als Frage von richtig oder falsch betrachtet, landet leicht bei einem vertrauten Muster: Wenn einer recht hat, muss der andere unrecht haben. Bei manchen Fragen ist eine solche Entscheidung notwendig. Ein Gericht muss beispielsweise rechtliche Ansprüche beurteilen und gegebenenfalls eine verbindliche Entscheidung treffen.

Viele Konflikte enthalten daneben jedoch Fragen, die sich nicht allein durch die Entscheidung über Recht oder Unrecht beantworten lassen. Wie wollen getrennte Eltern künftig miteinander kommunizieren? Wie soll die Zusammenarbeit zweier Kollegen funktionieren? Welche Regelung können Geschäftspartner für einen strittigen Punkt finden? Hier kann wichtiger werden, was künftig funktionieren soll, als wer die bisherige Auseinandersetzung gewinnt. Wann eine Mediation und wann ein gerichtliches Verfahren eher in Betracht kommt, erläutere ich unter Mediation oder Gerichtsverfahren?.

 

Der Mediator entscheidet nicht, welche Sicht die richtige ist

Das verändert auch die Rolle des Mediators. Seine Aufgabe besteht nicht darin, die überzeugendere Darstellung zu bestimmen oder am Ende einen Sieger des besseren Arguments festzustellen. Er unterstützt die Beteiligten dabei, ihre unterschiedlichen Sichtweisen, Interessen und Anliegen in das Gespräch einzubringen und miteinander zu klären, worüber sie selbst entscheiden können.

Dabei kann durchaus deutlich werden, dass Aussagen widersprüchlich sind, Erwartungen nicht zusammenpassen oder eine gewünschte Lösung für die andere Seite nicht akzeptabel ist. Mediation muss solche Unterschiede nicht beseitigen. Sie soll ermöglichen, mit ihnen so umzugehen, dass die Beteiligten ihre eigenen Entscheidungen treffen können.

 

Manchmal bleibt der Streit über die Vergangenheit bestehen

Nicht jeder Konflikt lässt sich rückblickend zu einer gemeinsamen Geschichte zusammenfügen. Zwei Menschen können auch nach einem ausführlichen Gespräch unterschiedlich beurteilen, wer wann welchen Fehler gemacht hat oder wodurch der Streit ursprünglich eskaliert ist. Der Versuch, darüber vollständige Einigkeit herzustellen, kann dann selbst zum Hindernis werden.

Für die weitere Verständigung kann eine andere Frage wichtiger sein: Müssen wir uns über die Vergangenheit einig sein, um eine Entscheidung für die Zukunft treffen zu können? Manchmal lautet die Antwort ja. Manchmal genügt es aber, anzuerkennen, dass die Bewertungen verschieden bleiben, und trotzdem zu überlegen, was daraus für den weiteren Umgang miteinander folgt.

 

Und wenn keine gemeinsame Lösung entsteht?

Auch die Bereitschaft, nicht länger um das Rechthaben zu kämpfen, garantiert keine Einigung. Interessen können unvereinbar sein, Grenzen können unterschiedlich verlaufen und eine Seite kann zu einer Regelung nicht bereit sein. Gegensätzliche Interessen verschwinden durch eine Mediation nicht.

Trotzdem kann sich etwas verändert haben. Vielleicht wissen die Beteiligten anschließend genauer, worin ihr Unterschied besteht. Vielleicht ist klar geworden, welche Entscheidung außerhalb der Mediation getroffen werden muss. Oder beide erkennen, dass sie an einem bestimmten Punkt nicht zusammenkommen. Auch das kann ehrlicher sein als ein Kompromiss, dem eine Seite eigentlich nicht zustimmen möchte.

 

Nicht mehr gewinnen müssen, um weiterzukommen

Vielleicht beschreibt das genauer, was mit dem Satz „Wo Mediation beginnt, hört Rechthaben auf“ gemeint sein kann. Die eigene Sicht verschwindet nicht. Rechte verschwinden nicht. Grenzen verschwinden nicht. Auch unterschiedliche Bewertungen dürfen bestehen bleiben. Was sich verändern kann, ist die Vorstellung, dass eine Verständigung erst möglich wird, wenn die andere Seite die eigene Sicht als richtig anerkennt. Damit wird aus einem Konflikt noch keine Einigung. Aber es entsteht möglicherweise Raum für eine andere Frage: Nicht mehr nur „Wer hat recht?“, sondern „Wie gehen wir mit dem um, worüber wir unterschiedlich denken?“

Mediation beginnt nicht dort, wo Menschen ihre Überzeugungen aufgeben. Sie kann dort beginnen, wo sie nicht mehr darauf angewiesen sind, dass der andere ihnen recht gibt, bevor sie miteinander nach einem weiteren Weg suchen.

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