
„Warum fragen Sie mich das? Das habe ich doch gerade erklärt.“ Ein solcher Gedanke wäre in einer Mediation gar nicht ungewöhnlich. Schließlich sitzen die Beteiligten nicht vor einem Mediator, weil ihnen noch niemand Fragen gestellt hat. Über manche Dinge haben sie vermutlich schon sehr oft gesprochen – miteinander, mit Freunden, Kollegen oder Familienmitgliedern.
Trotzdem fragt der Mediator nach. Manchmal nach etwas, das scheinbar längst beantwortet wurde. Manchmal bittet er um eine genauere Beschreibung. Und manchmal stellt er eine Frage, auf die auch er die Antwort nicht kennt. Fragen dienen in einer Mediation deshalb nicht nur dazu, Informationen zu bekommen. Sie können beeinflussen, worüber gesprochen wird und aus welcher Richtung die Beteiligten ihren Konflikt betrachten. Zum professionellen Umgang mit Fragen gehört deshalb auch die Überlegung, wie viel Steuerung angemessen ist.
Schon die Entscheidung, wonach gefragt wird, verändert ein Gespräch. „Wann hat der Streit angefangen?“ richtet den Blick auf die Vergangenheit. „Was müsste heute geklärt werden?“ richtet ihn auf die gegenwärtige Situation. „Wie soll der Umgang miteinander künftig aussehen?“ öffnet eine Zukunftsperspektive. Keine dieser Fragen ist automatisch besser als die andere. Sie lenken die Aufmerksamkeit lediglich auf unterschiedliche Aspekte desselben Konflikts. Das macht Fragen für einen Mediator interessant – und zugleich anspruchsvoll. Denn sie sind nur ein Teil der Gesprächsführung in der Mediation. Der Mediator strukturiert das Gespräch, ohne den Beteiligten vorgeben zu sollen, zu welchem Ergebnis sie kommen müssen.
Für unterschiedliche Fragen haben sich in der Gesprächsführung verschiedene Bezeichnungen entwickelt. Die Grenzen zwischen ihnen sind nicht immer scharf, und keine Frageart passt automatisch zu einer bestimmten Situation. Die Unterscheidung kann aber helfen zu verstehen, was eine Frage im Gespräch jeweils in den Blick nimmt.
Aus diesen Fragearten sollte allerdings kein Werkzeugkasten werden, aus dem der Mediator nur die vermeintlich passende Frage herausgreift. Ob eine Frage hilfreich ist, hängt nicht allein von ihrer Art ab. Ebenso wichtig sind die Situation, der Zeitpunkt und die Menschen, denen sie gestellt wird.
Nachfragen bedeutet nicht immer, dass dem Mediator noch eine Information fehlt. Manchmal ist eine Aussage längst gehört worden und bleibt trotzdem unklar. Wenn jemand sagt: „Mit ihm kann man einfach nicht reden“, könnte der Mediator diese Bewertung stehen lassen. Er kann aber auch fragen, was bei einem solchen Gespräch konkret passiert. Damit verändert sich möglicherweise die Ebene des Gesprächs. Aus einer allgemeinen Aussage über einen Menschen wird eine Beschreibung bestimmter Situationen. Das garantiert noch kein besseres Verständnis und schon gar keine Lösung. Aber die Beteiligten können nun über etwas Konkreteres sprechen.
Ein Mediator beeinflusst den Verlauf eines Gesprächs. Er entscheidet mit darüber, wann er nachfragt, welches Thema vertieft wird, wann ein Gespräch zum vereinbarten Gegenstand zurückgeführt wird oder wann eine Pause sinnvoll erscheint. Gesprächssteuerung bedeutet deshalb nicht, dass der Mediator keinerlei Einfluss auf das Gespräch nehmen dürfte.
Die entscheidende Grenze liegt an anderer Stelle: Der Mediator soll nicht über seine Fragen bestimmen, zu welchem Ergebnis die Beteiligten gelangen. Zwischen „Was wäre Ihnen für eine künftige Vereinbarung wichtig?“ und „Wäre es nicht vernünftiger, wenn Sie sich künftig einmal pro Woche abstimmen?“ liegt ein erheblicher Unterschied. Die zweite Frage enthält bereits die Lösungsvorstellung des Fragenden.
Suggestive Fragen beginnen nicht erst mit „Finden Sie nicht auch …?“. Auch eine scheinbar offene Frage kann eine Annahme enthalten. „Was könnten Sie tun, damit Ihr Kollege Ihnen wieder vertraut?“ setzt beispielsweise voraus, dass Vertrauen fehlt und dass der Befragte etwas tun sollte, um es wiederherzustellen. Vielleicht sieht er die Situation vollkommen anders.
Das bedeutet nicht, dass ein Mediator jede Frage sprachlich so lange bearbeiten müsste, bis sie vollkommen neutral ist. Schon die Auswahl eines Themas setzt einen Schwerpunkt. Wichtiger ist, sich bewusst zu machen, welche Annahmen in einer Frage stecken und ob für die Beteiligten genügend Raum bleibt, diese Annahmen auch zurückzuweisen. Diese Selbstreflexion gehört zur professionellen Haltung des Mediators.
Es wäre verlockend, bestimmten Phasen einer Mediation bestimmte Fragetechniken zuzuordnen: am Anfang offene Fragen, später vertiefende Fragen und zum Schluss zukunftsorientierte Fragen. In der Praxis verlaufen Gespräche selten so sauber. Eine konkrete Nachfrage kann schon zu Beginn notwendig sein, während eine offene Frage auch bei der Suche nach einer Vereinbarung neue Aspekte sichtbar machen kann.
Entscheidender als ein festes Schema ist deshalb die Situation im Gespräch. Was muss gerade verstanden werden? Wo bleibt etwas unklar? Braucht es einen anderen Blickwinkel – oder wäre eine weitere Frage im Moment eher störend?
Manche Fragen lösen Nachdenken aus. Andere werden sofort beantwortet. Wieder andere funktionieren in einem bestimmten Moment überhaupt nicht. Ein Beteiligter versteht sie vielleicht anders als gedacht, möchte darauf nicht antworten oder sagt schlicht: „Ich weiß es nicht.“ Auch starke Emotionen in einer Mediation können dazu führen, dass eine Frage, die zu einem anderen Zeitpunkt hilfreich sein könnte, gerade nicht weiterführt. Gesprächsführung bedeutet dann auch, eine Frage wieder loslassen zu können. Eine andere Formulierung kann helfen, manchmal ein anderes Thema – und manchmal schlicht ein Moment ohne neue Frage. Die Beteiligten müssen nicht auf jede Frage die Antwort finden, die sich der Mediator beim Stellen vorgestellt hat.
Bei Fragetechniken denkt man schnell an besondere Formulierungen: zirkuläre, hypothetische, paradoxe oder systemische Fragen. Solche Formen erweitern das Repertoire eines Mediators. Sie machen eine Mediation aber nicht allein deshalb besser, weil sie methodisch anspruchsvoller klingen.
Manchmal reicht ein schlichtes „Was meinen Sie damit?“, „Können Sie mir dafür ein Beispiel geben?“ oder „Habe ich Sie richtig verstanden?“. Und manchmal ist es besser, überhaupt keine neue Frage zu stellen und einen Moment auszuhalten. Professionelle Gesprächsführung zeigt sich deshalb nicht daran, wie viele Fragetechniken ein Mediator beherrscht. Sie zeigt sich auch darin, ob er erkennt, wann eine Frage hilfreich sein könnte – und wann sie das Gespräch vor allem in seine eigene Richtung lenken würde.
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